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Mit hinterletzter Tinte

(Günter Grass über Erdogan, Böhmermann und Co.)

 

Derweilen ich zum Glück ganz still in meiner Grube liege

Und sag: Schau, schau. Schau, schau, hör einer an

Da tobt auf Erden und im toten Kasten des Komputers

Ein Krieg, der zwischen Ulkschalk Naseweis und dem Kalifen Simslabimm

Entbrannt mit feurig knaller Wucht.

 

Buhbuh, bähbäh und Narretei: So geht des spaß’gen Tropfes löckender Gesang

So nicht, hallt drauf des Türkenimperators Gegenrede wider

Zäsarenwahn, Zäsurenwahn

Der Schnitt durchs danach abgetrennte Haupt des Spötters

Beruhigt das Land, benebelt Sitten, behindert Flüchtlings überschnellen Schuh.

 

Nur der allesweise Denker, Dichter, Diamant

Dieter Hallervorden, wagt wider des Tataren blut’ge Faust

Der Gerechten, Klugen, Kopfesschönen

Letzte echte Stimm‘ zu heben und mahnet in Vertretung wohl:

Palim, Palim.

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Bedarfshalt

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Wir sitzen in einem dieser bunten kleinen Nahverkehrszüge jener Bahngesellschaften, die die entlegensten Bahnstrecken Deutschlands mit viel Herz und Engagement aber irgendwie auch mit dem Mute der Verzweiflung betreiben. Die Gesellschaften tragen putzige Namen wie Metronom, Meridian oder der berühmte Parmesan, der von Parchim über Meckerow nach Saßnitz fährt. Was all diese Bahnen eint, sind die Kaffees für 90 Cent, die an Mussolini gemahnenden bunten Fantasieuniformen der Zugbegleiter, die großen Panoramafenster und die stets besonders schöne und besonders einsame Landschaft, die hinter diesen Fenstern an einem vorüberzieht.

Gemeinsam haben diese eingleisigen und nicht elektrifizierten Nebenstrecken vor allem aber auch die Existenz von Bedarfshaltestellen. Der sogenannte „Bedarfshalt“ kennzeichnet eine Ortschaft, an deren hundehüttenartigem Regenunterstand nur auf einen per Knopfdruck vom anfahrenden Zug aus geäußerten, ausdrücklichen Haltewunsch hin gehalten wird.

Das Vorhandensein eines Bedarfshalts der Nebenbahn kennzeichnet die unterste Kaste der Ortschaften. Hier gibt es statt einem hauptamtlichen Bürgermeister nur einen ehrenamtlichen Ortsvorsteher, der gewählt wurde, weil er große Teile des Alphabets beherrscht, und statt einem Arzt nur einen Medizinmann.

Die Kreisstädte solcher Orte haben ein Kfz-Kürzel mit mindestens vier Buchstaben. Oft ist das Kennzeichen länger als der Name der Stadt selber. Nicht selten wurde diesen Städten das Stadtrecht unehrenhaft aberkannt, das Krankenhaus geschlossen, das einzige Gymnasium im Kreis geschleift und die Brillenträger unter Schimpf zum Tor hinausgetrieben. Nur der Friedhof und die Bezirksnervenheilanstalt erleben ein letzte Blüte.

Und das sind immerhin noch die Kreisstädte. Die von dort zu den Bedarfshalten führenden Straßen verkommen zu Feldwegen, bis eines Tages nur noch der Wind über einen kaum mehr wahrnehmbaren Trampelpfad hinwegpfeift, der zwischen Sumpf, Urwald und dem vor vierzig Jahren havarierten Atomkraftwerk hindurchführt. So bleibt der Schienenstrang die letzte Verbindung zur Zivilisation. Doch wie lange noch?

Wer hier aussteigen möchte, kennt das traurige Szenario. Sofern man sich nicht durch seine ledrige Haut, den stumpfen Blick und eine Plastiktüte als einziges Gepäckstück als Bedarfshaltnutzer verrät, sind die Mitfahrer zunächst durchaus noch freundlich. Man fragt dich aufgeschlossen und neugierig, woher du kommst. Du antwortest zum Beispiel, aus Kleinwinzenhausen an der Pissbach, und sie fragen, aha, das kenn ich gar nicht, also bei welcher größeren Stadt das denn wohl liege? Und du sagst, also, ehrlich gesagt ist da gar keine Stadt in der Nähe. Die Leute sind trotzdem immer noch höflich und wollen wissen, ob du wenigstens andeuten kannst, in welcher Himmelsrichtung deine Heimat liegt. Südöstlich von hier, sagst du dann, direkt an dieser Bahnstrecke. Oho, merken sie auf, also wie hieß das Dorf nochmal: Kleinwinzenhausen? Komisch, nie gehört, da hält doch der Zug gar nicht?

Solchermaßen in die Enge getrieben, sagst du schließlich leise, „es ist nur ein Bedarfshalt“, und bereust deine Ehrlichkeit schon im nächsten Moment, als du siehst wie die Maske der Freundlichkeit von deinem Gegenüber abfällt wie falsch angerührter Putz. Sie prallen richtiggehend zurück, als hättest du ihnen gerade von deiner feuchten Lepra erzählt und dabei einen Hustenanfall bekommen, bei dem auch Teile von Zunge und Lippen durch den Großraumwagen fliegen.

Jetzt ist es jedenfalls raus. Alle im Waggon starren dich an. Es ist so eine entsetzliche Demütigung – man fühlt sich schuldig, ohne es zu sein. Fast wünscht man sich einen Schleudersitz als Ganzdringendbedarfshalt, bloß weg hier, so schnell wie möglich. Die Mitreisenden tuscheln und lachen, doch ihr Lachen ist nicht fröhlich, sondern voller Verachtung. Du drückst den Knopf, obwohl dein Bedarfshalt noch gar nicht kommt. Bei der nächsten Gelegenheit steigst du aus.

So also steigt man aus, doch wir fragen uns natürlich auch, ob und wie man an einem Bedarfshalt zusteigen kann: durch Telepathie? Oder stellen die sich an den Bahnsteigrand und winken den Zug wie ein Taxi heran? Das muss ja schiefgehen, und längst nicht alles, was wie Selbstmord aussieht, ist auch einer. Einen Halteknopf wie hier im Zug gibt es auf dem „Bahnhof“ garantiert nicht. Wie sollte das denn funktionieren?

Folglich steigt an den Bedarfshalten niemand zu, es sei denn, er ist zufällig zugegen, wenn mal jemand aussteigt. Genau das ist aber auch die Chance für die vergessenen Orte. Schließlich gibt es ja auch keine Straße mehr, auf der man abhauen kann, und da mehr Leute aus- als zusteigen, werden sie mit der Zeit langsam wieder wachsen. Das dauert natürlich, denn viele Neuankömmlinge verlieren ihr Leben. Durch Kälte, Hunger oder die Pfeile und Brandsätze der feindseligen Eingeborenen. Einige hängen auch von Anfang an tot über dem Zaun.

Mein System

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Schon wieder habe ich mich bei der Wahl der Kassenschlange verpokert. „Meine“ Kassiererin ist unendlich langsam. Um mich zu beschäftigen und auch warmzuhalten, vertreibe ich mir die Wartezeit mit gymnastischen Übungen. Dehnen, Strecken, Kniebeugen. Das tut gut, ich bin ihr dankbar für das unverhoffte Fitnessprogramm.

Nein. Quatsch. Natürlich bin ich ihr nicht dankbar. Ich will ihr, untermalt auch von künstlich ausgestoßenen Schnarchlauten damit demonstrieren, was ich von ihrer Leistung halte. Nichts.

Und da es danach immer noch nich schneller geht, ziehe ich den größten Trumpf in unserem Nervenkrieg: Ich pflücke mir den eben geleerten Warenkorb wieder vom Stapel, nehme meine Einkäufe wortlos vom Band und packe sie hinein, um damit zur Nachbarkasse zu gehen, wo ich sie dann erneut aufs Band lege.

Was für eine schallende Ohrfeige für die Schnarchschnecke! Wenn ich ihr auf diese Weise ihr Versagen aufzeige, kann es sehr gut sein, dass sie daran komplett zerbricht. Mit einem einfachen Winkelzug hätte ich sie beruflich und seelisch ausgelöscht. Das ist mir schon klar. Deshalb veranstalte ich den Zirkus ja auch.

Ich finde, mit so etwas muss sie als Profi fertigwerden. Und irgendwie will ich ihr mit meiner Rosskur ja auch helfen. So wie aus dem zerstörten Nazi-Deutschland nach dem Krieg etwas völlig Neues entstand (wenigstens konnte man das bis zu den Landtagswahlen am 13.03.2016 denken), kann auch sie sich aus der Asche ihres Zusammenbruchs erheben und künftig angemessen arbeiten.

Natürlich bemerken alle meinen Straffeldzug. Die Angestellten, die Kunden. Als ich an der „neuen“ Kasse schon fast dran bin, fällt ihnen auf, dass ich mich kurz zur „alten“ umdrehe. „Gucken Sie, ob es hier schneller geht?“, fragt die aktuelle Kassiererin. Sie lacht. Die Umstehenden lachen ebenfalls, so dass ich mich selbst zu einem schmalen Lächeln genötigt sehe, um der Einfachheit halber eine Gemeinsamkeit mit den Idioten vorzutäuschen, die nicht im Ansatz exisitiert.

Nein“, sage ich. „Ich kontrolliere das doch nicht nach.“

Das behaupte ich jedoch nur, um lässig zu wirken, und aus demselben Grund schlenkere ich dabei auch meine Gliedmaßen auf eine Weise von mir, die sie für groovy halten sollen. Ich bin aber nicht lässig. Denn erstens ist lässig sowieso die schwachsinnige kleine Schwester von scheiße. Und zweitens ist jede Lässigkeit angesichts solch fataler Nachlässigkeit vollkommen fehl am Platz. Natürlich registriere ich diejenige Person, die an meiner ehemaligen Kasse in der Position direkt vor mir stand. Das würde jeder Mensch tun, der auch nur halbwegs bei Sinnen ist.

Frau mit blauem Mantel und kleinem Mädchen an Kasse 3, merke ich mir. Und dann stoppe ich die Zeit auf meiner ganz speziellen Kassenuhr, einer billigen Digitaluhr mit Stoppuhrfunktion, die ich immer eigens zum Einkaufen anlege.

Komme ich gleichzeitig mit oder gar vor der Frau mit dem blauen Mantel dran, habe ich ohnehin gewonnen. Andernfalls wird es schwieriger, denn die nächste Person nach der Frau mit dem blauen Mantel wäre ja praktisch ich, wenn ich dort geblieben wäre, anstatt an Kasse 2 zu wechseln. Wird nun mein Platzhalter vor mir abkassiert, habe ich mich möglicherweise verzockt. Um das wiederum genau festzustellen, muss ich die Waren jener anderen Person mit bestimmten Faktoren versehen, die ich in die Zeitmessung einfließen lasse. Schließlich ist der Einkauf der Vergleichsperson ja nicht mit meinem identisch. Ich habe das ausgeklügelte System in langen Jahren perfektioniert.

Das Ergebnis ist am Ende oft sehr eng – manchmal handelt es sich nur um Zehntelsekunden, die ich gutmache oder verliere. Doch insgesamt liege ich auf der Liste, auf der ich notiere, wie oft mir der Kassenwechsel genutzt und wie oft geschadet hat, weit in Führung: Über die letzten dreißig Jahre hinweg habe ich mittlerweile schon fast drei Minuten gewonnen.

In das Zeitsparschwein auf meinem Fensterbrett stecke ich nach dem Heimkommen verschiedenfarbige Plastikchips für Zehntelsekunden, halbe, ganze, zwei und fünf Sekunden. Habe ich Zeit verloren, nehme ich die entsprechenden Chips selbstverständlich wieder heraus. Da bin ich ehrlich. Warum soll ich mich selbst belügen? Das Sparschwein ist auch so schon ziemlich voll. Auf diese Weise wir mein Leben immer länger. Ich weiß manchmal gar nicht, was ich damit anfangen soll.