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Sonderwünsche

Datsche 2012 009

Auf dem Lande bemühe ich mich stets um größtmögliche Zurückhaltung. Denn ich weiß ja, dass Berliner hier als Besatzer und Eindringlinge gesehen werden, umso mehr, wenn sie wie wir dazu Westhintergrund aufweisen. Ich weiß auch, dass sie mich für unermesslich reich und arrogant halten. Für sie bin ich eine verweichlichte, rotgrünversiffte Gutmenschenschwuchtel, die weder Tier noch Mensch selber schlachtet und Brandsätze auf Flüchtlingsunterkünfte für ein Verbrechen hält. Wenn man da mal genauer drüber nachdenkt, ist es eigentlich schlimm, was Leute so für krasse Vorurteile haben …

Sind Einheimische anwesend, gebe ich mich folglich leise und behutsam. Ich möchte nicht stören und nicht auffallen. Wenn ich nichts sage, merken sie vielleicht nichts. Dabei wäre es so schön, mehr Interesse an den Menschen zu zeigen und sich mit ihnen über ihre Belange auszutauschen: wo es die besten Gartenzwerge und den dicksten Spargel gibt; an welchen Stellen man besser keine Beeren oder Pilze pflücken soll, weil da der meiste Sondermüll vergraben liegt; über die bevorstehende Sonnwendfeier des Thor-Steinar-Spielmannzuges in Fuckow. Aber gerade im Gespräch ist die Gefahr zu groß, dass ich mich durch Wörter wie „Tram“, „Plastiktüte“, „viertel nach elf“, „Yoga“ oder „Demokratie“ verrate. Das bringt doch keinem was. Sie fühlen sich verarscht oder herabgesetzt und ich werde noch mehr zum Außenseiter.

Dennoch haben wir nach einer Weile hier draußen manchmal einen echten Jieper auf bestimmte Artikel oder Errungenschaften einer Zivilisation wie wir sie kennen. Ähnlich wie man nach längerem Aufenthalt in Lateinamerika, Südostasien oder Frankreich plötzlich Bock auf Vollkornbrot bekommt, möchten wir gerne eine Zeitung lesen, in der steht, was mittlerweile in der Welt passiert ist – noch dazu, da es kein Netz gibt. Also nicht den „Oranienburger Generalanzeiger“ und auch nicht die „Märkische Allgemeine“. Sondern den Inbegriff der Westlügenpresse, eine ermüdende Bleiwüste ohne bunte Bilder, keine Titten, viele Nebensätze: Die „Süddeutsche Zeitung“ soll es sein.

Bei Edeka in Klötensang gab es die mal. Daneben noch die „Berliner Zeitung“ und sogar den „Tagesspiegel“. Denn im Sommer kommen Touristen. Und Berliner. Und Berliner Touristen. Sie fotografieren die Störche und pflücken die Blaubeeren im Schlüpper Forst, wo die Giftgastanks der Roten Armee und die Asbestwände der LPG-Schweinemast einträchtig unter dem märkischen Sand ruhen. Mit den Kranichen im Herbst hauen auch die Fremden wieder ab. Doch zuvor versucht man ein wenig Handel mit ihnen zu treiben. Man stellt Blitzer an den Landstraßen auf, bereitet überteuerte Wildgerichte zu und legt Westzeitungen vom Vortag in die Läden.

Bei diesem Edeka sehe ich also durchaus eine Chance. Allzumal sie den vergrößert und modernisiert haben, mit Frischsalattheke und allem Pipapo – der hat richtiggehend Großstadtniveau. Zwar stehen jetzt im kühlen Mai nur Autos mit den Kennzeichen OHV und OPR auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt. Aber vielleicht haben sie ja das Sortiment schon saisonal umgestellt. Und in der Tat gibt es ein paar der obengenannten Blätter, doch die Süddeutsche finde ich nicht. Ich wende mich an eine Verkäuferin: Ob sie die denn grundsätzlich überhaupt im Angebot hätten?

„Die was? Wie heißt die?“

„Süddeutsche Zeitung“, sage ich und merke wie mir heiß im Gesicht wird. Ich betrachte mich auf einmal mit ihren Augen und komme mir reichlich doof vor. Was für ein alberner und prätentiöser Wunsch. Süddeutsch. Wo ist denn bitte Süden? Hier jedenfalls nicht. Als nächstes frage ich wahrscheinlich nach einem Chinesenhut.

„Keine Ahnung“, sagt sie, ohne sich ihre Irritation anmerken zu lassen. „Nie gehört. Müssen Sie an der Kasse fragen.“

Genau das tue ich auch, obwohl ich schon gar keine Lust mehr habe. Vorsichtshalber bezahle ich zuerst, dann bin ich schneller weg. Ich flüstere die Frage fast. Das spöttische Gesicht des Kassierers spricht Bände. Er wendet sich an die Kollegin an der anderen Kasse, holt tief Luft, „o bitte nicht. Bitte nicht so laut“, möchte ich zischen, doch es ist zu spät.

„Führen wir“, ruft er und spitzt dabei affektiert die Lippen – er hat richtig Spaß an seiner kleinen Show -, „die Süddeutsche Zeitung?“ Aus seinem Mund klingt das nach einem Fachblatt für Pädophile, aber keinem für solche, die Hilfe oder Unterstützung suchen. Das ist alles so wahnsinnig peinlich.

„Nein“, antwortet sie. „Hatten wir mal. Im alten Laden. Jetzt nicht mehr.“

Sämtliche Kunden in beiden Kassenschlangen starren mich nun an. In ihren Blicken liegen Hass und Verachtung. Ein feindseliges Grummeln hebt an. Ich nehme meine Einkäufe, gehe langsam rückwärts Richtung Ausgang, um keine Mistgabeln in den Rücken gerammt zu bekommen, versuche dabei hektische Bewegungen zu vermeiden, die sie zum Angriff provozieren könnten. Sobald ich die Tür erreicht habe, renne ich los, renne um mein Leben, hin zum Auto, o Gott, hoffentlich springt das diesmal sofort an.

Knallharte Lobby

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In der Tagesspiegel-Rubrik „Mehr Berlin“ bläst die Benimmspezialistin Elisabeth Binder zur Jagd auf den Ruf der Radfahrer. Ihre Waffe: die doppelläufige Moralkeule: „Ich hasse sie, diese Heiligenscheine, mit denen sich Radfahrer in der Öffentlichkeit gerne schmücken.“

Der gelegentliche Ärger mit unangenehmen Exemplaren der Spezies, veranlasst sie dazu, klapsmühlenartig zu wiederholen, wie sehr es sie ärgere, „dass Radfahrer immer als die besseren Menschen dargestellt werden.“ Den Höhepunkt ihrer Jammerarie bildet eine Art gesungener Fieberwahn aus dem Märchenland der toten Träume: „Die Radler haben eine knallharte Lobby.“

Weniger Berlin“ wäre oft „Mehr Berlin“. Ich möchte mir die Haare büschelweise ausrupfen, die Augen gen Himmel verdrehen, bis nur noch das Weiße zu erkennen ist, irre vor mich hinkichern und mir dabei mit dem Zeigefinger hochfrequentig über die vorgeschobene Unterlippe fleppen: Autobahnen, der Volkswagen, Kraft durch Freude, Freude durch Tempo, Tempo durch autofreundliche Ampelphasen, autofreundliche Ampelphasen für das autogeilste Land der Welt, Exportweltmeister, milde Verkehrsstrafen, hohe Geschwindigkeiten, Rasen als Sex, eine fortwährende Penetration durch AudiBMWMercedesPorschebrummbrumm. Radler umgenietet, Fußgänger überrollt, dududu, das kostet jetzt aber zweitausend Euro, hammses passend, danke schön und weiterhin gute Fahrt!

Ja, schon klar, oder? Die Dame hat doch echt ein Wahrnehmungsproblem. Schwallt, schwadroniert, deliriert im Verlaufe des Artikels noch weiter von den „selbstverliehenen Heiligenscheinen der Radfahrer“ – dagegen wirkt Donald Trumps Lügenkosmos wie die Kritik der reinen Vernunft.

Natürlich gibt es aggressive Scheißradfahrer, aber das sind dann eben Arschlöcher. Egal, was sie tun, in jedem Verkehrsmittel und in jeder Lebenslage. Sie verprügeln ihre Frauen, Kinder und Hunde. Weil sie sie lieben zwar, denn eine andere Form, ihre Zuneigung zu zeigen, haben sie nicht gelernt. Sie haben immer recht und rasten bei der kleinsten Kleinigkeit komplett aus. Sie haben die Impulskontrolle eines defekten Polenböllers. Da ist es allemal besser, sie fahren mit dem Fahrrad und nicht mit dem Auto oder gar dem Panzer, davon würde doch alles nur noch schlimmer.

Häufig ist hier der Phänotyp mit Mountainbike und Ballonreifen, gern in Tarnkleidung oder dunklen Hoodies. Sein Leben ist ein Computergame namens „Streets of Warcraft“, durch das er sich als postapokalyptischer Straßenkrieger à la „Mad Max“ bewegt, sehr gerne auch noch in Begleitung eines unangeleinten, durchfallfarbenen Werwolf-Warzenschwein-Mischlings. Ziel das Spiels: Alle Feinde sind tot, Definition von „Feind“: jeder. Das Böse kann aber durchaus auch die Gestalt einer Touristin mit Hollandrad und hörschutzgroßen Kopfhörern annehmen. „Die besseren Menschen“, sind das jedenfalls nicht. Haben sie allerdings auch nie behauptet. Wie sollten sie denn – so weit können die doch gar nicht denken. Wir wissen nicht, aus welchem Paralleluniversum Frau Binder ihre Wahrheiten bezieht.

Klar, kann man persönliche Defizite mit dem von der jeweiligen Person bevorzugten Verkehrsmittel verknüpfen, um in der Folge die Gruppen pauschal gegeneinander auszuspielen. Man kann auch in die Kirche kacken. Doch auch dabei käme stets nur eine einzige Erkenntnis raus: Am schlimmsten sind sowieso die Fußgänger.

Nehmen wir zum Beispiel die Infanterie. Man hat diesen Kampffußgängern kein Pferd, keinen Panzer und kein Flugzeug anvertraut, da sie sogar innerhalb der blutrünstigen und dummen Militärmaschinerie noch als unzivilisierter Abschaum gelten. Sie morden, plündern und brandschatzen auf ihren weitläufigen Spaziergängen quer durch andere Länder, die sie überfallen haben. Zu Fuß verfügen sie über genügend Muße. Sie müssen auch nicht auf den Verkehr achten – die Straßen und Brücken haben sie auf ihrem Vormarsch längst gesprengt.

Auch Amokläufer sind fast immer zu Fuß unterwegs, wie ja bereits der Name sagt. Da können sie nämlich besser treffen als vom Rad herunter oder aus dem Auto heraus. Friedliche Absichten sehen anders aus.

Bezeichnend überdies, wie nachteilig sich eine Metamorphose vom Autofahrer hin zum Fußgänger auswirkt: Neulich erst räumte vor meinen Augen ein Auto beim Rechtsabbiegen beinahe einen Radler vom Sattel, der erschrak, „hey“, rief und mit der flachen Hand vorne auf die Kühlerhaube patschte.

Der Fahrer des Wagens bremste, stieg aus und wurde so zum Fußgänger. Eben noch ein lammfrommer Autofahrer, dem man allenfalls einen Mangel an Konzentration, Rücksicht, Fahrvermögen und Respekt vor dem menschlichen Leben hätte vorwerfen können, ging der frischgebackene Fußgänger nun wie ein Berserker brüllend auf den Radfahrer los und – typisch Fußgänger! – schlug ihm die Faust ins Gesicht, so dass dieser rückwärts über seinen Drahtesel fiel. Wäre er Autofahrer geblieben, wäre das alles nicht passiert. Ein Auto schlägt nicht zu. Ein Auto schreit nicht. Es hupt höchstens mal ein bisschen.

Mein Leben als Sanduhr

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(… polnische Familien, deutsche Rentner und so junge Leute mit so Hütchen …)

Früher waren Flugreisen noch etwas Besonderes. Man sparte jahrelang darauf, machte beim Notar sein Testament und ließ sich im Taxi zum Flugplatz fahren, weil das dann auch schon egal war. In der Kabine rauchte man, trank Schnaps, schrie herum und alles war umsonst. Doch heute gibt es Ryanair. Gegen einen Flug mit den Knauser-Iren ist selbst die Fahrt mit dem Flix-Bus ein Ausbund an Extravaganz.

Beim Anstehen in dem kobenähnlichen Billigfliegerverschlag am Rektum Schönefelds lassen sich die prekären Passagiere in polnische Familien, deutsche Rentner und so junge Leute mit so Hütchen unterteilen. Dazu meine Angetraute Q. und ich, ihr Angegrauter, die wir einen crazy Querschnitt durch die drei genannten Gruppen bilden.

Es geht los nach Lanzarote. Aus dem Cockpit quakt ein Hater in gebrochenem Englisch so aggressiv wie unverständlich ins Bordmikrofon. Ich vermisse diese Sorte Pilot von deutschen Urlaubsfliegern, die mit beruhigender Munterkeit auch noch die aussichtsloseste Lage zu beschönigen weiß, und damit jener charismatischen Spezies qua Geburt braungebrannter Ärzte ähnelt, die mit ihrer Lockerheit mühelos ihre Verachtung gegenüber den Kassenpatienten überspielen können.

Denn das sind wir – die Kassenpatienten unter den Flugreisenden. Allein mit den niedrigen Ticketpreisen lässt sich der Betrieb des legendär unsympathischen Chefs Michael O’Greedy nicht refinanzieren. Deshalb muss man bei Ryanair sogar für die Kotztüten extra bezahlen. Glücklich, wer da wenigstens ein Hütchen hat. Ein nonstop turbulenter Trip wäre ein Volltreffer für die Fluggesellschaft, doch ehe sich der unternehmerische Wunsch erfüllt, setzt – schwupps! – der Flieger auch schon auf im Rentnerurlaubsparadies. Die Rentner und die Polen klatschen, die jungen Leute setzen ihre Hütchen wieder auf, wir holen unseren Mietwagen.

Ein kleiner Flughafen, eine kleine Stadt, eine kleine Insel: Und dennoch schaffen sie es, ihr Zeug derart dämlich auszuschildern, dass wir rat- und orientierungslos so oft durch den ersten Kreisverkehr fahren, bis der Urlaub fast schon wieder vorbei ist, als wir den Teufelskreis endlich aufs Geratewohl verlassen.

An der Bude, die wir im Internet gebucht haben, wartet geduldig der Besitzer. Gonzalo spricht nur Spanisch, aber kein Problem: Irgendwie verstehen wir ihn trotzdem. Spanisch ist ja praktisch Französisch minus das aufgeblasene Getue – das eine ist Weltsprache, das andere wäre es gerne – und Französisch haben wir in der Schule gelernt wie die meisten Wessis unseres Alters. Zuerst lernte man Englisch, damit man sich mit Menschen aus aller Herren Länder (außer Franzosen) verständigen konnte. Anschließend lernte man Französisch, heute weiß keiner mehr warum. Wahrscheinlich irgendwas mit Völkerfreundschaft. Druschba. Dostojewskischatelnosti. Was für die Schüler im Osten Russisch war, war für uns Französisch. Eine vom Prinzip des praktischen Nutzens völlig unberührte politische Entscheidung.

Gonzalo erklärt uns, wie man draußen den Whirlpool bedient. Er zeigt uns in der Küche Topf und Gabel. Im Bad schließlich den Eimer, in den man unbedingt die Kackpapierchen werfen muss. „Buen provecho“, sagt er schließlich,„schönen Urlaub.“ Dann empfiehlt er sich und lässt uns mit Gabel, Topf und Kackpapiercheneimer allein.

Das Wetter ist erst mal reichlich bescheiden. Da erweist es sich fast als Glück im Unglück, dass wir so lange trockenen Fußes um den Kreisverkehr gefahren sind. Das Wasser im Whirlpool ist auch zu kalt. Abends schnattern wir uns ins Bett. Morgens schnattern wir dick verpackt auf der Terrasse. Q. sagt, dass wir nicht schon vor dem Frühstück anfangen dürfen, Alkohol zu trinken. Mehr sprechen wir nicht miteinander. Das tränenerstickte Gemurmel könnte in dem Sturm ohnehin keiner verstehen. Denn sobald der Regen aufhört, verstärkt sich der Wind. Wegen des Windes sind wir ständig voller Sand. Die Haare, die Klamotten und sämtliche Körperöffnungen. Da merkt man erst wie viele Löcher, Lücken und vorperforierte Sollbruchkanten so ein Mensch haben kann, selbst an Stellen, die man bis dahin für komplett undurchlässig gehalten hätte. Feinster Sand krümelt sogar aus den Poren. Als der Kackpapiercheneimer voll ist, fliegen wir wieder heim. Das Auto lassen wir sicherheitshalber am Kreisverkehr stehen und gehen die letzten fünfzig Meter zu Fuß. Endlich brennt nun auch die Sonne vom Himmel.

Nachtrag. Zuhause rieselt weiter beständig Sand aus mir heraus. Vor allem, wenn ich mich auf den Kopf stelle, rinnt mir eine halbe Wüste aus dem Kragen. Immerhin hat sich mein Zeitgefühl stark verbessert. Nach exakt zehn Minuten stelle ich mich auf die Füße zurück. Der Schwerpunkt des Rieselns verlagert sich wieder auf die Hosenbeine.

Die Zeit ist reif

engelversammlung

Die britische Regierung hat posthum Tausende Männer begnadigt, die für ihre vormals strafbare Homosexualität verurteilt wurden. Grundlage des großzügigen Gnadenakts ist das sogenannte „Turing-Gesetz“. Der britische Mathematiker Alan Turing hatte während des Zweiten Weltkriegs entscheidenden Anteil an der Entschlüsselung der deutschen Funksprüche und rettete damit der gesamten, vergleichsweise freien Welt ihren verdammten Arsch. Die Betonung liegt hier auf „vergleichsweise“ – davon konnte der schwule Turing selbst ein Lied mit siebzehn bitteren Strophen singen, deren letzte von seinem Selbstmord im Jahre 1954 handelte. Zuvor hatte man ihn zu einer chemischen Kastration verdonnert, die eine schwere Depression auslöste. Leistung schützt vor Strafe nicht.

2011 war seine Begnadigung noch abgelehnt worden. „Lasst die Schwuchtel für ihr ekelhaftes Laster ruhig noch ein bisschen brummen“, war die dahinter stehende juristische Erwägung. Und bevor nun jemand empört aufschreit, sollte er sich den kulturellen Background der Weigerung vor Augen führen. Denn man schrieb gerade mal das 21. Jahrhundert in einer führenden westeuropäischen Industrienation. Die Zeit war schlicht nicht reif für solche Eskapismen. Der Krieg war kaum siebzig Jahre vorbei, das Beamen steckte noch immer in den Kinderschuhen und nur wenig früher hatten in Deutschland durchgeknallte Utopisten den Hippie-Einfall, Vergewaltigung in der Ehe zu bestrafen, eiskalt in die Tat umgesetzt – ein warnendes Beispiel für Politiker auf der ganzen Welt, sich niemals vorschnell über das Volksempfinden hinwegzusetzen. Aber die Jahrtausendwende galt ohnehin als Blütezeit bizarrster gesellschaftlicher Experimente.

Queen Elizabeth, die als Mutter eines schwulen Sohnes der Materie naturgemäß ein wenig aufgeschlossener gegenüberstand, beendete 2013 mit einem „Royal Pardon“ endlich den unwürdigen Eiertanz um Turings Würde.

In Deutschland wurden übrigens nur einschlägige Urteile aus der NS-Zeit aufgehoben. Über die Rehabilitierung späterer Opfer des bereits 1994 (!) aus einer postmodernen Grille heraus gestrichenen Paragraphen 175, der sexuelle Handlungen unter erwachsenen Männern unter Strafe stellte, denkt man heute noch gründlich nach. Vielleicht haben diese warmen Brüder ja doch was ausgefressen? Sonst hätte es das Gesetz doch sicher nicht gegeben. Und so ein fataler Schnellschuss wie das Vergewaltigungsverbot (s.o.) darf auf deutschem Boden nicht nochmal passieren.

Um uns hierzulande ein besseres Urteil bilden zu können, begeben wir uns nach England und sehen uns die Reaktionen der direkt Betroffenen dort an. Der vor dreißig Jahren verstorbene Samuel Paisley (114) aus Sunderland rotiert jedenfalls vor Freude wie ein Brummkreisel im geöffneten Sarg, als ihm ein Filmteam der BBC die Begnadigungsurkunde überreicht. Bei dem lauten Geklapper der Knochen können wir seine Worte kaum verstehen, nur irgendwas mit „danke“ und „dunkel“ und „hätte ich jetzt echt nicht mehr gedacht“.

Erst mit der Begnadigung finden die Seelen der Verurteilten endgültig ihre Ruhe. Bislang vermochte allenfalls ein silberner Pflock, zweimal täglich etwa eine Stunde vor den Mahlzeiten ins Herz getrieben, der ewigen Unrast Linderung zu verschaffen. Und wer keine Angehörigen besaß, die dafür Sorge trugen, hatte eben Pech, denn Vorbestraften verweigerte die Krankenkasse die Übernahme jeder postpalliativen Therapie.

Der Rückgang der Zahlen schwuler Zombies klingt nicht nur für Nachtschwärmer durchaus nach einer positiven Entwicklung. Von der Kühnheit, dem Tempo und der Humanität ihrer eigenen Entscheidung wie berauscht, arbeiten Legislative und Judikative bereits Hand in Hand am nächsten Coup. Und zwar in ganz Europa. Könnte man nicht auch die zahllosen verurteilten, ermordeten und verbrannten Ketzer und Hexen mit nachträglichen Freisprüchen bedenken? Wie viele Wählerstimmen ließen sich damit allein im Kundenkreis von „Kräuter-Kühne“ mobilisieren! Die Akten jugendlicher Intensivtäter müssen solange warten. Das große Ganze geht nun mal vor.

Im Fall der Hexen zögert der Gesetzgeber. Allzu vage geben sich die Quellen: Hat denn nun die Schadenzauberin Mathilde von Bissingen im Jahre 1553 dem Dorfkrämer tatsächlich einen Schweineschwanz ans Hinterteil gehext oder nicht? Bis zur eindeutigen Klärung ist die Aussicht auf einen Freispruch ähnlich einzuschätzen wie die vieler NS-Zwangsarbeiter auf Entschädigung.

Doch Ketzer haben eine reale Chance, zumindest in eher protestantisch oder atheistisch geprägten Regionen. Ein gutes Beispiel ist das des Seyfried Barnabas Potolke, des berühmten Wiederkäuers von Hoppenstedt, der von der Inquisition wie eine Currywurst in kleine Scheiben geschnitten, mit der Asche eines tollwütigen Wolfs bestreut und dann dem tobenden Mob mit Scheiße übergossen auf einem Pappteller präsentiert wurde. Anlässlich seines sechshundertsten Todestages im Jahre 2016 sandte kein Geringerer als Justizminister Heiko Maas persönlich den Nachfahren des Fehlgläubigen eine Weihnachtskarte mit dem bündigen Text: „Sorry!“ Ein Anfang ist gemacht; so kann Versöhnung aussehen und die Justiz sich ihrer historischen Verantwortung stellen.

Mittlerweile hoffen sogar diejenigen Verstorbenen, deren Kutschen, Draisinen oder Automobile wegen ambulanter Parkverbote aufgrund von Baumarbeiten abgeschleppt wurden, dass die entsprechenden Vermerke von ihren Grabsteinen getilgt werden. Doch bis zu quasi schrankenloser Toleranz ist es noch ein weiter Weg.

 

 

Grenzenlose Korrumpierbarkeit

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19. Januar 2017.

Der Anruf kommt spät, aber er kommt. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? Am Telefon fragt mich eine müde klingende Dame, die mit der Organisation des Beiprogramms zu Donald Trumps Inauguration betraut sein will, ob ich dort eine meiner Geschichten lesen könne. Auch auf deutsch, kein Problem, es gehe schließlich um die Geste. Donald würde sich wahnsinnig freuen und ich sei von Anfang sein Wunschkandidat gewesen. „Hanneman or no man“, habe Trump klargemacht, die Feier entweder mit mir oder ganz ohne künstlerischen Beitrag zu begehen. Doch bis eben habe man vergeblich versucht, mich zu erreichen.

Ich glaube, die Frau lügt. Ich war die ganze Zeit zuhause und habe wie immer auf das Läuten des Telefons oder der Türklingel gewartet. Da war nichts, ebenfalls wie immer. Natürlich haben sie sich zuerst bei Madonna und Co. gemeldet. Darüber bin ich auch nicht böse, das ist doch ganz normal. Einmal googeln genügt, um zu wissen, dass ich auf der Liste der künstlerischen Prominenz zurzeit Platz 1.547.032.725 belege, was in etwa dem Rang von Claus Weselsky, dem Vorsitzenden der Lokomotivführergewerkschaft, in der Thronfolge des britischen Königshauses entspricht. Trotzdem wusste ich, dass mit jedem Tag und jeder weiteren Absage immer unbedeutenderer Stars meine Aktie steigen würde.

Ich brauchte nur zu warten. Denn keiner will dahin. Kein Künstler, der etwas auf sich, und auch keiner, der nichts auf sich hält. Es spielt keine Rolle, wer in oder wer out, noch nicht mal, wer rechts oder wer links ist; die Blöße, vor der ganzen Welt als Trumps Nebenlachnummer dazustehen, will sich noch nicht mal der schlimmste Comedian geben. Als nach dem schielenden Einballjongleur und dem Origami-Typen auch noch Bob Geldof absagte, fragte das verzweifelte Organisationskomitee erst alle Kinder mit Zauberkasten und ganz am Ende bei Lesebühnen an.

Lesebühnen sind, um das eher berlintypische Format hier kurz in den Worten des Feuilletons zu erläutern, Veranstaltungen, bei denen die Vortragenden im Unterschied zum bekannteren Poetry Slam zu schlicht sind, ernste Themen zu verhandeln, zu dumm, ohne Pointen zu arbeiten, zu faul, ihre Texte auswendig zu lernen, und zu feige, sich einem Wettbewerb zu stellen. Es machen auch weniger Frauen mit, woran natürlich nie die Frauen schuld sind, die nicht mitmachen.

Von diesen traurigen Gestalten musste ja früher oder später eine anbeißen. Zweihundert Dollar Gage, der Flug mit Ryan Air (Umsteigen auf den Azoren), Unterkunft in einem Motel im lebhaften Washingtoner Viertel „Crack Terraces“ sowie drei Getränkemarken für den Erfrischungsstand: Das ist ein Angebot, das ein Lesebühnenautor nicht ausschlagen kann – diesbezüglich zeigen sich die Amerikaner bestens informiert. Da sage noch einer, die NSA sei zu nichts nutze.

Doch selbst in diesem Lineup der Elenden musste ich mich zunächst hintanstellen. Das merkte ich an der Rundmail von Micha Ebeling mit der Nachfrage um den 15. Januar herum, wer denn dieser Trump sei und ob da schon mal jemand von uns vorgelesen hätte. Alle waren sich daraufhin einig, dass das gar nicht ginge, sogar diejenigen, die schon mal in dem Autohaus in Marzahn oder bei Dieter Nuhr aufgetreten waren. Denn auch meine Kollegen kennen Schmerzgrenzen.

Ich aber nicht. Die Nebenlachnummer ist meine. Für Geld mache ich alles. List, Gewalt, Betrug, Schmeichelei – mir ist jedes Mittel recht, von ehrlicher Arbeit allenfalls abgesehen. Als Judas hätte ich Jesus noch die Latschen geklaut, bevor ich ihn verraten hätte. Seine Mutter hätte ich zum Betteln geschickt und den Heiligen Geist an Tontaubenschützen vermietet. Meine grenzenlose Korrumpierbarkeit verschafft mir nun einen uneinholbaren Vorteil. Denn ich bin offenbar tatsächlich der einzige Künstler auf der ganzen Welt, der bereit ist, an der Farce des Scheusals teilzunehmen.

Gleich, nachdem ich aufgelegt habe, packe ich den kleinen Rucksack – mehr als Handgepäck müsste ich selber bezahlen – und mache mich auf den Weg nach Schönefeld. Die Zeit ist verdammt knapp. Die müssen wirklich bis zuletzt gehofft haben, dass sie noch irgendeinen Feuerschlucker finden, der sich komplett das Hirn weggebrannt hat. Nun habe ich das Gerenne zur U-Bahn, zum Bus, zur Gangway.

Im Flieger schlafe ich hervorragend. Morgen dürfte es mich noch nicht mal jucken, wenn die gesammelten Top Ten der gängigen Vorlesealpträume wahr würden: 1. Keiner kommt. 2. Ich finde meine Texte nicht. 3. Ich weiß nicht, wo ich hin muss. 4. Irgendwas komisches ist mit dem Raum. 5. Ich kann mich nicht bewegen. 6. Ich kann nicht mehr sprechen. 7. Ich kann die Schrift nicht lesen. 8. Das Publikum ignoriert mich einfach. 9. Ich habe vergessen, eine Hose anzuziehen. 10. Mein Text ist vollkommen sinnlos.

All das wird in Washington keine Rolle spielen. Ich brauche nicht nervös zu sein. Die wenigen, die kommen werden, werden nichts von dem verstehen, was ich mache, und es wird ihnen auch egal sein. Herrlich. Das ist ja fast wie bei „Rakete 2000“.

27. Januar 2017

Ich bin endlich wieder zuhause. Die Überfahrt musste ich in der Kombüse eines Containerschiffs abarbeiten, weil ich das Ticket für den Rückflug nicht bekommen habe. Mein Geld ebenfalls nicht. Und Bücher hat auch keiner gekauft.

Dabei war ich richtig gut. Ich habe aus „Neulich in Neukölln“ gelesen, die Geschichte mit dem Glaser, wie immer, wenn ich vor Leuten mit überschaubarem Kapee und Humor lese. Trotzdem kam hinterher dieselbe Orga-Tante, die mich angerufen hatte, auf mich zu und sagte: „Sorry, this was not …“, und den Rest hab ich nicht verstanden, war alles irgendwie auf Englisch. Eigentlich war nur Melania cool. Sie hat mir ihr unverwechselbares Lächeln geschenkt und noch heimlich einen Müsliriegel zugesteckt, ohne den ich es wohl kaum bis zum Hafen in Baltimore geschafft hätte.

Nachträglich von der Festgage zurückzutreten und die eigenen Versäumnisse komplett auf den Künstler zu schieben, ist echt das allerletzte – das kennt man normalerweise nur von selbstverwalteten Kulturzentren in Schwaben. Die meinten wohl, es wäre meine Schuld, dass so wenige Zuschauer gekommen sind. Nur was kann ich denn dafür, wenn der Laden keine Werbung macht? Also das Weiße Haus in diesem Fall. Das sagen wir den Veranstaltern immer wieder. Am schlimmsten ist es an Unis (Aachen!), wo irgendwelche vollverpeilten Kiffer Asta-Gelder für Kulturveranstaltungen verbrennen, zu denen gar keiner kommen KANN, weil die Idioten sich nicht mal in der Lage sehen, auch nur nen Post-it-Zettel an die Tür zu hängen. Aber Inaugurationen sind offenbar nicht besser.

Perlen vor die Säue

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Auf meinem Winterspaziergang entdecke ich in der Seitenstraße einen kleinen Biobäcker und bekomme sofort Hunger. Im Laden beschlägt meine Brille und ich muss sie erst putzen, bevor ich das Angebot sichten kann. Trotzdem werde ich vorschnell nach meinem Wunsch gefragt.

Gemach“, bremse ich den Eifer der Angestellten. „Ich muss hier zunächst mal meine Sehhilfe in Ordnung bringen, um dann auf Basis der frisch gewonnenen Sinneseindrücke meine Kaufentscheidung zu treffen.“ Ich gefalle mir sehr in dieser elaborierten Formulierung. Das habe ich schön gesagt. Ein Satz wie ein Spiegel, in dem ich mich, wieder und wieder um die eigene Achse drehend, selbstverliebt begaffe. Ich bin ein großer Dichter, immer im Dienst. Jedes einzelne Wort, das ich von mir gebe, und beschriebe es den banalsten Gegenstand, ist ein beherzter Kniefall vor der deutschen Sprache.

Diesen Satz lege ich nun als Geschenk der Bäckereifachverkäuferin zu Füßen. Irgendwie will ich damit auch originell und witzig sein, vielleicht verbirgt sich sogar noch eine Art verstockter Greisenflirt dahinter, keine Ahnung, man steckt ja nicht mehr so ganz drin.

Aber sie reagiert schmallippig. Das waren wohl Perlen vor die Säue. Jeder andere hätte ihr ein ohnehin weit eher angebrachtes, „mal langsam, du siehst doch, dass ich nichts sehe, du Punze“, entgegengeschleudert, wo ich ihr eine Girlande aus bunten Buchstaben um den Moment gewunden habe, um diesen so für sie auf ewig unvergesslich zu machen, und ihren Alltag in einen nie für möglich gehaltenen Glanz zu tauchen: den Glanz der Poesie.

Aber nein. Sie gibt sich nicht die geringste Mühe, ihren Unmut zu verbergen. Und noch genervter wirkt sie, als ich einen Muffin bestelle, „ein Muffin, bitte“, und das so ausspreche wie die „Mumins“ mit Betonung auf der letzten Silbe. Im Muffintal, höhö.

Von Begeisterung weiter keine Spur. Ich muss an meine Freundin Q. denken. Die gerät jedes Mal dezent in Rage, wenn sie Zeugin einer solchen Szene wird. Aber komischerweise nicht über die vermaledeiten Kleingeister, sondern über mich. Es kann durchaus passieren, dass sie mir dann einen Vortrag hält.

Die Leute müssen hier arbeiten und haben dabei überhaupt keinen Bock auf das prätentiöse Geseier von wildfremden Kunden. Die finden dich nicht toll oder so. Sondern einfach bloß peinlich und übergriffig. Deine Ironie“ – sie malt mit vier Fingern Anführungszeichen in die Luft – „kannst du dir da echt sparen. Und sowieso und vor allem“ – sie macht eine bedeutsame Pause – „ist das leider alles schlicht nicht witzig. Null. Nichts. Nie. Ich versteh das ja auch nicht. Du schreibst doch eigentlich ganz lustige Sachen. Also manchmal. Also selten. Aber immerhin. Das ist schon merkwürdig. Weil mit dem Sprechen, nee wirklich, ich bitte dich, halt die Fresse und schreib! Dann ist alles gut.“

Zwei Euro“, sagt die Verkäuferin und ich zahle stumm, obwohl auf dem Schild ein Euro sechzig steht. Wahrscheinlich Laberzuschlag, selber Schuld. Oder Pfand für diese Papierkrempe unten um den Muffinfuß rum. Krempenpfand. Ich muss mir sehr auf die Zunge beißen, um diesen, wie ich finde überaus witzigen, Einfall nicht auf der Stelle an die Adressatin zu bringen. Auf dass ihr Tag noch mehr erstrahle. Aber gut: Wer nicht will, der hat schon.

Ich lasse die Verhaltenstipps durchaus an mich heran. Den Blick von außen finde ich wertvoll. Man selber ist ja gern mal zu betriebsblind, um noch feststellen zu können, ob die eigene Brillanz auf fruchtbaren Boden fällt, oder ob Intelligenz und Humor des Gegenübers einfach nicht ausreichen. Dann kann man sich das nämlich sparen.

Auf dem Uferweg esse ich im Gehen den Muffin. Leider klebt die Krempe total am Teig. Sie geht überhaupt nicht ab, so dass ich kurz rätsle, ob die vielleicht Esspapier verwendet haben. Nein, haben sie nicht. Das ärgert mich. Immerhin hat das Teil in dieser Dinkelapotheke für Geldgrüne ein Vermögen gekostet. Ich spiele mit dem Gedanken, umzukehren und das Gebäck zu retournieren. Ihr Altpapier können sie selber fressen.

Bestimmt würde sich die Verkäuferin freuen. „Heißa“, wird sie denken, wenn sie mich bereits draußen vor dem Laden erspäht. „Heißa: da kommt wieder dieser witzige und kluge Mann. Ich werd‘ verrückt vor Freude!“

Und ich werde sie nicht enttäuschen. „Gnädige Frau. Ich bedaure außerordentlich, Ihnen mitteilen zu müssen, dass sich Ihr Muffin bei der Feuerprobe seines Verzehrs als ausgesprochen schadhaft erwiesen hat.“ Das wird sicher sehr schön. Beschwingt beschleunige ich meinen Schritt.

Moderne Zeiten

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„Zwiebelchen, Zwiebelchen, Zwiebelchen“, höre ich mich brabbeln, je näher ich dem Gemüsestand komme. Die Leute gucken irritiert, aber ich kann nicht damit aufhören. Wenn ich nicht einem fort „Zwiebelchen, Zwiebelchen, Zwiebelchen“, vor mich hin murmle, vergesse ich, Zwiebeln zu kaufen.

Es mag ja sein, dass ich ein wenig wunderlich geworden bin. Aber ich kann mir auch nicht mehr so viel merken, deshalb steuere und unterstütze ich mein Gehirn mit fortwährenden Ansagen. „Links, recht, links, rechts“, damit ich beim Gehen nicht die Schrittfolge durcheinanderbringe und stolpere, „einatmen, ausatmen“, damit ich nicht ersticke oder hyperventiliere. Und in regelmäßigen Abständen frage ich mich: „Wird es nicht irgendwann mal wieder Zeit, aufs Klo zu gehen, lieber Ulrich?“ Das dient schließlich auch den Menschen in meiner Umgebung.

Jetzt stehe ich direkt vor den Auslagen. Knoblauch, Kartoffeln, Zwiebeln. „Zwiebelchen, Zwiebelchen, Zwiebelchen“, sage ich hartnäckig. Gerade so kurz vor dem Ziel soll nichts mehr schiefgehen.

Doch warum ausgerechnet „Zwiebelchen“, mag nun so mancher fragen: Warum hier der Diminutiv? Nun, es ist wegen der Angst. Im reiferen Alter kann man sich nicht nur weniger merken, man versteht auch immer weniger, was um einen herum vor sich geht. Alles fühlt sich fremd und unheimlich an. Was die Leute sagen. Das Internet, die Politik, die Jugendlichen, die Ausländer, der Mobilfunk, die Sexualität, die Eisenbahn, das Wetter. Aus dieser Verunsicherung erwächst Angst. Auch beim Überqueren der Fahrbahn. Man möchte im Grunde nicht mehr aus dem Haus gehen.

Doch leider muss man ja zum Beispiel Zwiebelchen besorgen. Wer in kindlicher Regression alle und alles verniedlicht, fühlt sich einfach behüteter. Fast so, als befände er sich noch als Embryo im schützenden, warmen Mutterleib. Alles wirkt weniger bedrohlich. Bisschen Krieglein hier, el niño dort, ein paar Gletscherchen schmelzen – goldig! – zu noch kleineren Gletscherchen, überall poppen – winke, winke! – putzige kleine Rechtspopulisten wie Pilze aus der braunen Wiese. Eine Welt zum Knuddeln.

So sage ich auch „Erdi“, wenn ich über Erdogan spreche. Das macht das Böse kleiner und menschlicher für mich. Holt es auf eine Ebene herunter, die ich ertragen und begreifen kann. Die mir weniger Angst macht.

Erdi klingt wie so ein Kumpel aus der Schulzeit, als wir für einander immer solche Namen hatten. Erdi, Grütze, Brille, der Bronson, der Mongo, die Kröte und die Euter. Pc war das alles nicht und dennoch ein Zeichen für Vertraulichkeit. Der Erdi war schon damals nicht ganz dicht, aber irgendwie doch ein feiner Kerl. Er war für jeden Scheiß zu haben. Schon mit sieben konnte er Trecker fahren und einmal ist er absichtlich von einem fünf Meter hohen Baumhaus runtergesprungen. Wahnsinn. Der Erdi war so witzig. Ein anderes Mal sind wir nachts in seinem alten Käfer megastramm von der Kneipe zurück nach Hause. Und dann, in einer unübersichtlichen Kurve mitten auf der Landstraße, er so die Vollbremsung. Die Fahrertür aufgerissen, auf die Fahrbahn gereihert. Tür wieder zu, weitergefahren. Als wäre nichts gewesen. Das war typisch Erdi.

Erdi, Assi, Trumpi, Petri – alles halb so schlimm. Von Erdi hab ich dann bei einem Klassentreffen gehört, er wäre in den Neunzigern vor einem Puff in Bangkok erstochen worden. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber nach der Baumhausgeschichte war er eh nie mehr so richtig der alte. Unsere Wege haben sich denn auch bald getrennt: er Bewährung, ich Abitur.

„Zwiebelchen zur Kasse, Zwiebelchen zur Kasse, Zwiebelchen zur Kasse …“ Die Angestellten im Kaufladen blicken mich entgeistert an. Sie müssen sich das jeden Tag anhören: diesen Typen, der nonstop seine Einkaufsliste herunterleiert. Ich sehe ihnen das nach. Sie haben schließlich auch nur Angst. Wie wir alle. Würden sie mich besser kennen, wüssten sie natürlich, dass alles seine Ordnung hat. „Einatmen, links, rechts, Zwiebelchen bezahlen, Zwiebelchen bezahlen, links, rechts, ausatmen.“ Und dann nach Hause. Und dann aufs Klo. Nach Hause und aufs Klo, nach Hause und aufs Klo, nach Hause und aufs Klo … (fade out)