Archiv der Kategorie: Blök

Totschlagargumente

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Seit die Grünen gemerkt haben, dass sie Arme und Ausländer eigentlich doch eher doof finden, konzentrieren sie sich auf eine neue Klientel unter den Schwächsten der Schwachen: die Insekten, und dabei besonders die Bienen, unsere flauschigen Obersympathieträger unter den Hautflüglern. Warme Milch mit Honig, Biene Maja, Bienenstich mit Puddingfüllung: Damit wird bald Schluss sein; man rechnet mit einem Insektenschwund von achtzig Prozent. „Merken kann es jeder Autofahrer daran, dass er die Windschutzscheibe kaum noch von toten Insekten reinigen muss“, sekundiert die Süddeutsche Zeitung mit eigenen Forschungsresultaten, gesponsert von BMW.

Die Orientierung der Bienen wird durch Umweltgifte, elektromagnetische Strahlung in der Atmosphäre sowie ein Übermaß an verwirrenden Hinweisschildern gestört“, bestätigt Hedwig Klapproth (42), Insektenreferentin der Grünen im Wahlkreis Remscheid-Dörfeld. „Oft bringen Passanten vollkommen apathische Exemplare zu uns ins Parteibüro. Denen müssen wir dann alles von Grund auf neu beibringen: Tanzen, Sammeln, Bestäuben. Im Garten hinter dem Haus lehrt ein pensionierter Tanzlehrer unentgeltlich Schritte von Walzer über Rumba bis zur Warnung vor einem Wespenangriff; andere Ehrenamtliche setzen die Tiere auf Blüten, massieren ihnen den Rücken und sprechen beruhigend auf sie ein. Nach ein paar Monaten werden sie ausgewildert, doch leider stehen viele schon zwei Tage später wieder dumm brummend vor der Tür. Manche scheinen richtiggehend süchtig nach Pestiziden zu sein und setzen sich extra in besonders belastete Wiesen und Felder. Bei denen müssen wir vor dem Trainingsprogramm zunächst einen Entzug durchführen.“

Und als wäre das der Schwierigkeiten nicht genug, mobben sich die Insekten auch noch gegenseitig. Spinnen killen Mücken, Wespen töten Fliegen und ein Bienenvolk, das sich die Varroamilbe ausgeguckt hat, braucht auch keine Chemie mehr, um auszusterben. Warum halten die Mädels nicht wenigstens zusammen, wenn ihnen das Wasser doch schon bis zum Hals steht?

Auch im seriösesten Medium aller Zeiten hat jemand einen Clip gepostet, in dem man der Welt im Zeitraffer beim sukzessiven Verrecken zusehen konnte. Und zwar wegen der fehlenden Insekten. Gezeigt wurde eine Kausallawine infernalischen Ausmaßes: Erst krepierten die Mücken, dann die Mäuse, dann die Eulen und so weiter. Am Ende standen wie in dem Film „WALL E“ nur noch rauchende Ruinen rum, dazwischen ein verrosteter Wäscheständer oder so – man konnte es nicht genau erkennen –, doch der Sonnenuntergang im Hintergrund war sehr schön. Lebewesen allerdings Fehlanzeige. Zum Glück war das nur Facebook.

Ich selber hatte für Insekten meist nur Totschlagargumente übrig. Die böse Bremse, die lästige Laus, die garstige Gnitze: Sie alle standen gewaltig unter meiner Fuchtel, sobald ich mich nur ins Freie begab. Auch die wenigen Insekten, die es schafften in meine Wohnung einzudringen, bezahlten ihre Keckheit mit der letzten Ruhe in offenen Gräbern an den Wänden – ihre Grabsteine waren sie selber. So mancher Kakerlake wies ich gar mithilfe eines Profikillers die Tür ins Jenseits. Am allerschlimmsten fand ich jedoch stets die Schmetterlinge mit ihrem eitlen Gegaukel. Wenn ich die bloß von weitem sah – gaukel, gaukel, gaukel -, traten mir schon automatisch Tränen des Zorns und der Abscheu in die Augen und ich dachte bloß noch eins: Auf die Fresse!

Aber zu kurz gedacht – das sehe ich jetzt auch ein. Mit Insekten verhält es sich ein bisschen wie mit der Polizei: Man assoziiert sie gern mit etwas Unangenehmen und bekommt auch schnell ein komisches Gefühl bei ihrem Anblick. Dennoch hätte ihr plötzliches, ersatzloses Verschwinden wahrscheinlich keine guten Folgen – da haben die Grünen ausnahmsweise Recht. Bevor man also bessere Ideen entwickelt hat, die mannigfaltigen Funktionen der Insekten auszufüllen (z.B. winzige Bauarbeiter statt Ameisen), muss man sich notgedrungen um den Erhalt der Kerbtiere kümmern (erstaunlicherweise sind selbst Granatenarschlöcher wie die Wespe ohnehin geschützt).

Daher habe ich mich mit anderen Freiwilligen zum Insektenzählen gemeldet – irgendwer muss ja auf die achtzig Prozent Schwund gekommen sein. In mühseliger Kleinarbeit werden die Insekten eingefangen, gezählt, beringt und wieder freigelassen. Die Beobachtung der Windschutzscheiben ist nämlich eine ungeeignete Methode: Natürlich haben die pfiffigen kleinen Kerlchen im Laufe von Abermillionen Generationen gelernt, den Autos auszuweichen. Bevor sie eine Autobahn überqueren, gucken sie mehrmals nach links und nach rechts. Zirpen oder summen sich Warnungen zu. Und zur Not warten sie eben. Die wenigen Insekten, die dann noch auf der Scheibe landen, sind meist unerfahrene Jungtiere oder auch ältere männliche Individuen, die das Nachlassen ihrer Grundschnelligkeit nicht wahrhaben wollen. Und so sind es in der Mehrheit die alten Patriarchen (oft Mistkäfer oder Holzböcke), die hinterher im grauen Eimer an der Autobahntankstelle schwimmen.

Der Fluch des Rubbelloses

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Normalerweise nehme ich morgens immer nur ein halbes Glas lauwarmes Wasser zu mir. Das reinigt die Seele von Anhaftungen und bringt den Geist zum Leuchten. Danach bin ich für einen weiteren Tag des verzweifelten Ringens mit meiner brotlosen Kunst gewappnet. Aber ich brauche ja kein Brot, da ich doch das Leuchten habe.

Dennoch stapeln sich in meinem Kühlschrank neuerdings die Lebensmittel. Denn bei Edeka erhält man bei jedem Einkauf nun ein Rubbellos. Da gibt es ganz tolle Preise zu gewinnen. Ein Auto zum Beispiel oder ein Jahr Mietfreiheit. Man muss nur auf sechs Feldern dreimal das zum jeweiligen Gewinn gehörende Symbol freirubbeln. Drei von sechs: ein Kinderspiel, sollte man meinen, und ich war schon öfter so nah dran! Zweimal hätte ich fast die Vespa gewonnen. Das heißt, ich hatte schon nach kurzem Rubbeln zweimal das Vespa-Symbol freigelegt. Es fehlte nur noch ein korrektes Feld, praktisch ein Elfmeter, und was kam dann? Nichts! Das muss man sich mal vorstellen! Und beim zweiten Mal genau dasselbe.

Das kann im Grunde gar nicht sein, dass man da immer so knapp vorbeischrammt. Hab ich mir irgendwann gedacht. So viel Pech kann doch ein Mensch allein überhaupt nicht haben. Manchmal denke ich fast, die wollen einen richtiggehend dazu verlocken, dass man dort einkauft. Und es geht ihnen gar nicht darum, dass sich irgendjemand freut, weil er was gewonnen hat. Das riecht doch nach Betrug!

Ich hätte gute Lust, zur Polizei zu gehen, aber ich hab ja keine Beweise. Jedenfalls noch nicht. Als ich wie so oft zum dritten Mal am Tag in der Kassenschlange stand, kam mir die Idee: Im Grunde müsste ich mich in die Schaltzentrale der Betrüger schmuggeln, um ihre Machenschaften aufzudecken. Erst die Kamera am Zaun mit einem Steinwurf ausschalten und die Hunde mit so einer Schlafmittelwurst, dann hinter den Wachen vorbeischleichen und durch so enge Lüftungsschachts kriechen, bis hin zu dem Raum, wo die Halunken Sekt trinken und ihre Verbrechen planen. Und dann von oben durch so ein kleines Lüftungsgitter hindurch alles in Bild und Ton dokumentieren. Haarklein. Das wäre sicher gefährlich, aber einer muss es ja tun. Und viele Leute scheinen gar nicht zu wissen, wie sehr sie manipuliert werden. Die kümmern sich bloß um Armut, Ausbeutung, Unterdrückung und so’n Kram anstatt um die richtigen Schweinereien.

Denn längst bin ich rubbellossüchtig. Edeka hat mich verantwortungslos angefixt. Es ist die undankbarste Variante der Spielsucht. Denn der gewöhnliche Spielsüchtige wird wiederholt mit kurzen Zwischenerfolgen belohnt, die ihn dann weitermachen lassen – ähnlich dem Mechanismus bei der Sucht nach Substanzen: Sucht nach dem Kick, Befriedigung durch den Kick, Abflauen des Sättigungszustands, Anschwellen der Sucht und alles wieder von vorn.

Die Rubbellossucht läuft anders ab: Sucht nach dem Kick, Rubbeln, Enttäuschung, erneute Sucht. No kick. Erfolglos rubbelt man sich die Finger wund: Es ist wie Masturbation ohne Höhepunkt. Die Sucht nach Substanzen kennt nur ein vergleichbares Beispiel: Auch beim Rauchen fehlt weitgehend ein spürbarer Belohnungseffekt, es sei denn, man bezeichnete es als Belohnung, nicht auszurasten. Nur wer länger nicht geraucht hat, spürt allenfalls mal so einen leichten Duller in der Birne. Und der ist noch nicht einmal besonders angenehm, nicht zuletzt da einem der üble Geschmack nun noch mehr auffällt als sonst.

Wie sinnvoll und ergiebig ist im Vergleich das edle Trinken. Konsum und Effekt, Likörchen und Späßchen, Batsch und Bumm. Den simplen Zusammenhang schnallen sogar Versuchstiere, und die wissen bekanntermaßen eh immer am besten, was gut für sie ist.

Vom Rauchen bekommt man hingegen bloß Kopfschmerzen. Der Missbrauch von Rubbellosen wiederum führt zu wunden Fingerspitzen, überfüllten Schränke, in denen überflüssige Lebensmittel vor sich hin gammeln, sowie einem überzogenen Girokonto. Die mit der Entwöhnung verbundene Verhaltenstherapie ist aufwändig. Die besten Erfolge erzielt man noch mit präparierten Losattrappen, die, sobald man sich zu den „Gewinn“-Feldern durchgerubbelt hat, Stromstöße verteilen. Der Strom muss allerdings grenzwertig stark sein, um Schmerzen in einer Intensität auszulösen, die auch das Unterbewusstsein speichert. Das überlebt nicht jeder, doch vielleicht ist ein rascher Tod besser als die ewige demütigende Abhängigkeit von Edeka.

Das Büro

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Solange man ihn auch hinauszögert, kommt irgendwann doch der Moment, an dem man sich eingestehen muss, dass hochfliegende Pläne gescheitert sind. Im Großen können das Konzepte sein wie Demokratie, Religion oder ein 3-5-2 mit weit vorgezogenen Außenverteidigern. Im Kleinen ist es die Einsicht, dass der, unter Navigation einer falschen Idee von sich selbst eingeschlagene, Weg in eine Sackgasse führt. Das bisherige Leben: ein Irrtum. Ein radikaler Schnitt muss her.

Was mich betrifft, möchte ich in Zukunft einem geregelten Broterwerb nachgehen und mich von der Schnapsidee des bezahlten Autorenberufes endgültig verabschieden. Endlich Schluss mit den mühseligen Versuchen, die fauligen Früchte eigener „Geistestätigkeit“ Subjekten anzudrehen, die sie offenkundig weder wollen noch brauchen. Der Betrug ist eh längst aufgeflogen. Wer ein Buch gekauft hatte, warnte die anderen wie ein Murmeltier. Eine letztlich bescheidene Inselbegabung in einem Meer aus Emotionsarmut und Lustlosigkeit taugt vielleicht zum Hobby, aber nicht zum Beruf.

Erschreckend, aber auch ein wenig niedlich, welch große Hoffnungen vergleichbar Veranlagte sich dennoch weiterhin machen. Sie denken wohl, dass alles besser wird: sie, ihre Fähigkeiten, die Umstände. Den Zahn kann ich ihnen ziehen, und zwar mit der ganz großen Zange: Nichts wird jemals besser werden. Warum sollte es das auch? Das Talent kennt nur eine Marschrichtung und die lautet: bergab. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr; wer jetzt zu doof ist, wird es immer bleiben … optimism is just another word for nothing left to lose. Aber gut, das soll mein Problem nicht sein. Ich wünsche ihnen aufrichtig Glück – das ist neben mangelnder Selbsteinschätzung in der Branche ohnehin das Wichtigste.

Lamento bringt nichts – schließlich lebst du nicht dein Leben, dein Leben lebt dich. Nun gilt es, nach vorne zu blicken und sich nach Alternativen umzusehen. So weit möglich, die Folgen ungünstiger Lebensentscheidungen auszubügeln. In bescheidenem Rahmen, denn studieren werde ich garantiert nicht mehr: Ich kann mir nichts mehr merken und nicht lange still sitzen. Ich muss ja ständig nur aufs Klo.

Also einfach nur so eine Art stinknormale, ehrliche Erwachsenenarbeit. Das ist die Lösung. Das ist, was bleibt. Nicht zu anspruchsvoll. 9 to 5, 5 of 7. 8/5? Morgens hin mit einer Tupperdose voll geschälter Möhrchen. Klapper, klapper. Nach Feierabend mit leerer Dose zurück. Leise, leise. Ich bin rechtschaffen müde. Ein guter Film im ZDF, ein halbes Bier. Schnappverschluss. Schlaf der Gerechten. Und alles wieder von vorn. Morgens, Möhrchen, Müde. Ein monatlicher Gehaltsscheck von sagen wir zwölfhundertfünfzig netto reicht mir völlig, ein Traum.

Nach meinen, zugegebenermaßen nicht sehr fundierten Kenntnissen, gibt es für mich nunmehr noch genau zwei Möglichkeiten: zum einen irgendwas mit schwer Schleppen von schmutzigen Sachen und zum anderen ein Büro. Das Schleppen kommt nicht in Frage, wegen Alter und Rücken. Nicht so richtig Bock auch. Also bleibt nur das Büro.

Aber was macht man da überhaupt, in so’nem Büro? Ich kenn zwar Leute, die dort arbeiten, doch wirklich verstanden habe ich es nie. Na gut, kann auch sein, dass ich nicht richtig hingehört habe, denn das klang in meinen Ohren alles sehr, sehr langweilig. Und wo ist das Büro überhaupt, wo muss ich denn da hingehen und muss ich mich da bewerben oder darf da jeder gleich anfangen? Bekomme ich da dann ein Zimmer oder einen Schreibtisch und kriege ich einen Stuhl oder muss man den selber mitbringen oder muss ich vielleicht sogar die ganze Zeit über stehen? Das wäre hart. Aber vielleicht bekomme ich einen Locher. Wimpf, wimpf, wimpf! Das macht Spaß. Ein Locher wäre toll. Und Buntstifte.

Die anderen Leute im Büro sind mir unheimlich. Die „Kollegen“ kriegen doch gleich raus, das mit mir was nicht stimmt, und dass ich eigentlich wahnsinnige Angst habe vor ihnen und der Arbeit und davor, dass das Telefon klingelt und ich nicht weiß, was ich dann sagen soll, und überhaupt vor der ganzen Situation. Dass das alles für mich das erste Mal ist. Dass ich keine Ahnung habe, wie ich mich verhalten soll. Muss ich da jedes Mal „guten Morgen“ sagen, wenn ich das Büro betrete, oder irgendeine andere Feel Good Emotion faken? Und später noch mehr mit ihnen reden, in der Kantine, auf dem Gang, auf dem Scheißhaus? O Gott, über was denn? Ich kenn die doch gar nicht und will sie auch nicht kennenlernen. Und muss man dann bei der Weihnachtsfeier wirklich immer mit allen Sex haben? Ein bisschen eklig ist das ja schon. Ich glaube nicht, dass ich das möchte, und ich kann mich auch nicht so gut verstellen und immer freundlich mit dem Schwanz wedeln. Aber ich könnte stattdessen ja was malen, mit den Buntstiften.

Bestimmt hefte ich alles falsch ab. Wird mir das denn jemand erklären? Oder, genauso tückisch, man muss gar nichts abheften, aber ich hefte trotzdem ständig alles ab, weil ich das mal in einem Film gesehen habe, in dem ein Büro drin vorkam. Eine Katastrophe. Und was ist mit dem Kaffee: Kriegt man den umsonst oder nur bis zu einer bestimmten Menge oder muss man den bezahlen? Und wenn, wieviel und wo und wann? Muss man sich den selber holen oder wird der an den Tisch gebracht? Hab ich überhaupt einen Tisch oder muss ich stehen? Ich glaube, ich dreh mich grad im Kreis.

Erschwerend kommt hinzu, dass ich für den regulären Arbeitsmarkt sowieso verbrannt sein dürfte. Denn natürlich habe ich früher eine Menge Scheißjobs gemacht, aber entweder konnte ich bald wieder gehen oder war zumindest scheinselbständig. Ich schätze, ich bin einfach nicht mehr integrierbar. Ich will niemanden, der mir sagt, was ich zu tun habe. Umgekehrt will ich auch niemandem vorschreiben, was sie oder er zu tun hat. Das ist doch Schwachsinn. Der Locher macht das dann auch nicht wett.

Sonderwünsche

Datsche 2012 009

Auf dem Lande bemühe ich mich stets um größtmögliche Zurückhaltung. Denn ich weiß ja, dass Berliner hier als Besatzer und Eindringlinge gesehen werden, umso mehr, wenn sie wie wir dazu Westhintergrund aufweisen. Ich weiß auch, dass sie mich für unermesslich reich und arrogant halten. Für sie bin ich eine verweichlichte, rotgrünversiffte Gutmenschenschwuchtel, die weder Tier noch Mensch selber schlachtet und Brandsätze auf Flüchtlingsunterkünfte für ein Verbrechen hält. Wenn man da mal genauer drüber nachdenkt, ist es eigentlich schlimm, was Leute so für krasse Vorurteile haben …

Sind Einheimische anwesend, gebe ich mich folglich leise und behutsam. Ich möchte nicht stören und nicht auffallen. Wenn ich nichts sage, merken sie vielleicht nichts. Dabei wäre es so schön, mehr Interesse an den Menschen zu zeigen und sich mit ihnen über ihre Belange auszutauschen: wo es die besten Gartenzwerge und den dicksten Spargel gibt; an welchen Stellen man besser keine Beeren oder Pilze pflücken soll, weil da der meiste Sondermüll vergraben liegt; über die bevorstehende Sonnwendfeier des Thor-Steinar-Spielmannzuges in Fuckow. Aber gerade im Gespräch ist die Gefahr zu groß, dass ich mich durch Wörter wie „Tram“, „Plastiktüte“, „viertel nach elf“, „Yoga“ oder „Demokratie“ verrate. Das bringt doch keinem was. Sie fühlen sich verarscht oder herabgesetzt und ich werde noch mehr zum Außenseiter.

Dennoch haben wir nach einer Weile hier draußen manchmal einen echten Jieper auf bestimmte Artikel oder Errungenschaften einer Zivilisation wie wir sie kennen. Ähnlich wie man nach längerem Aufenthalt in Lateinamerika, Südostasien oder Frankreich plötzlich Bock auf Vollkornbrot bekommt, möchten wir gerne eine Zeitung lesen, in der steht, was mittlerweile in der Welt passiert ist – noch dazu, da es kein Netz gibt. Also nicht den „Oranienburger Generalanzeiger“ und auch nicht die „Märkische Allgemeine“. Sondern den Inbegriff der Westlügenpresse, eine ermüdende Bleiwüste ohne bunte Bilder, keine Titten, viele Nebensätze: Die „Süddeutsche Zeitung“ soll es sein.

Bei Edeka in Klötensang gab es die mal. Daneben noch die „Berliner Zeitung“ und sogar den „Tagesspiegel“. Denn im Sommer kommen Touristen. Und Berliner. Und Berliner Touristen. Sie fotografieren die Störche und pflücken die Blaubeeren im Schlüpper Forst, wo die Giftgastanks der Roten Armee und die Asbestwände der LPG-Schweinemast einträchtig unter dem märkischen Sand ruhen. Mit den Kranichen im Herbst hauen auch die Fremden wieder ab. Doch zuvor versucht man ein wenig Handel mit ihnen zu treiben. Man stellt Blitzer an den Landstraßen auf, bereitet überteuerte Wildgerichte zu und legt Westzeitungen vom Vortag in die Läden.

Bei diesem Edeka sehe ich also durchaus eine Chance. Allzumal sie den vergrößert und modernisiert haben, mit Frischsalattheke und allem Pipapo – der hat richtiggehend Großstadtniveau. Zwar stehen jetzt im kühlen Mai nur Autos mit den Kennzeichen OHV und OPR auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt. Aber vielleicht haben sie ja das Sortiment schon saisonal umgestellt. Und in der Tat gibt es ein paar der obengenannten Blätter, doch die Süddeutsche finde ich nicht. Ich wende mich an eine Verkäuferin: Ob sie die denn grundsätzlich überhaupt im Angebot hätten?

„Die was? Wie heißt die?“

„Süddeutsche Zeitung“, sage ich und merke wie mir heiß im Gesicht wird. Ich betrachte mich auf einmal mit ihren Augen und komme mir reichlich doof vor. Was für ein alberner und prätentiöser Wunsch. Süddeutsch. Wo ist denn bitte Süden? Hier jedenfalls nicht. Als nächstes frage ich wahrscheinlich nach einem Chinesenhut.

„Keine Ahnung“, sagt sie, ohne sich ihre Irritation anmerken zu lassen. „Nie gehört. Müssen Sie an der Kasse fragen.“

Genau das tue ich auch, obwohl ich schon gar keine Lust mehr habe. Vorsichtshalber bezahle ich zuerst, dann bin ich schneller weg. Ich flüstere die Frage fast. Das spöttische Gesicht des Kassierers spricht Bände. Er wendet sich an die Kollegin an der anderen Kasse, holt tief Luft, „o bitte nicht. Bitte nicht so laut“, möchte ich zischen, doch es ist zu spät.

„Führen wir“, ruft er und spitzt dabei affektiert die Lippen – er hat richtig Spaß an seiner kleinen Show -, „die Süddeutsche Zeitung?“ Aus seinem Mund klingt das nach einem Fachblatt für Pädophile, aber keinem für solche, die Hilfe oder Unterstützung suchen. Das ist alles so wahnsinnig peinlich.

„Nein“, antwortet sie. „Hatten wir mal. Im alten Laden. Jetzt nicht mehr.“

Sämtliche Kunden in beiden Kassenschlangen starren mich nun an. In ihren Blicken liegen Hass und Verachtung. Ein feindseliges Grummeln hebt an. Ich nehme meine Einkäufe, gehe langsam rückwärts Richtung Ausgang, um keine Mistgabeln in den Rücken gerammt zu bekommen, versuche dabei hektische Bewegungen zu vermeiden, die sie zum Angriff provozieren könnten. Sobald ich die Tür erreicht habe, renne ich los, renne um mein Leben, hin zum Auto, o Gott, hoffentlich springt das diesmal sofort an.

Knallharte Lobby

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In der Tagesspiegel-Rubrik „Mehr Berlin“ bläst die Benimmspezialistin Elisabeth Binder zur Jagd auf den Ruf der Radfahrer. Ihre Waffe: die doppelläufige Moralkeule: „Ich hasse sie, diese Heiligenscheine, mit denen sich Radfahrer in der Öffentlichkeit gerne schmücken.“

Der gelegentliche Ärger mit unangenehmen Exemplaren der Spezies, veranlasst sie dazu, klapsmühlenartig zu wiederholen, wie sehr es sie ärgere, „dass Radfahrer immer als die besseren Menschen dargestellt werden.“ Den Höhepunkt ihrer Jammerarie bildet eine Art gesungener Fieberwahn aus dem Märchenland der toten Träume: „Die Radler haben eine knallharte Lobby.“

Weniger Berlin“ wäre oft „Mehr Berlin“. Ich möchte mir die Haare büschelweise ausrupfen, die Augen gen Himmel verdrehen, bis nur noch das Weiße zu erkennen ist, irre vor mich hinkichern und mir dabei mit dem Zeigefinger hochfrequentig über die vorgeschobene Unterlippe fleppen: Autobahnen, der Volkswagen, Kraft durch Freude, Freude durch Tempo, Tempo durch autofreundliche Ampelphasen, autofreundliche Ampelphasen für das autogeilste Land der Welt, Exportweltmeister, milde Verkehrsstrafen, hohe Geschwindigkeiten, Rasen als Sex, eine fortwährende Penetration durch AudiBMWMercedesPorschebrummbrumm. Radler umgenietet, Fußgänger überrollt, dududu, das kostet jetzt aber zweitausend Euro, hammses passend, danke schön und weiterhin gute Fahrt!

Ja, schon klar, oder? Die Dame hat doch echt ein Wahrnehmungsproblem. Schwallt, schwadroniert, deliriert im Verlaufe des Artikels noch weiter von den „selbstverliehenen Heiligenscheinen der Radfahrer“ – dagegen wirkt Donald Trumps Lügenkosmos wie die Kritik der reinen Vernunft.

Natürlich gibt es aggressive Scheißradfahrer, aber das sind dann eben Arschlöcher. Egal, was sie tun, in jedem Verkehrsmittel und in jeder Lebenslage. Sie verprügeln ihre Frauen, Kinder und Hunde. Weil sie sie lieben zwar, denn eine andere Form, ihre Zuneigung zu zeigen, haben sie nicht gelernt. Sie haben immer recht und rasten bei der kleinsten Kleinigkeit komplett aus. Sie haben die Impulskontrolle eines defekten Polenböllers. Da ist es allemal besser, sie fahren mit dem Fahrrad und nicht mit dem Auto oder gar dem Panzer, davon würde doch alles nur noch schlimmer.

Häufig ist hier der Phänotyp mit Mountainbike und Ballonreifen, gern in Tarnkleidung oder dunklen Hoodies. Sein Leben ist ein Computergame namens „Streets of Warcraft“, durch das er sich als postapokalyptischer Straßenkrieger à la „Mad Max“ bewegt, sehr gerne auch noch in Begleitung eines unangeleinten, durchfallfarbenen Werwolf-Warzenschwein-Mischlings. Ziel das Spiels: Alle Feinde sind tot, Definition von „Feind“: jeder. Das Böse kann aber durchaus auch die Gestalt einer Touristin mit Hollandrad und hörschutzgroßen Kopfhörern annehmen. „Die besseren Menschen“, sind das jedenfalls nicht. Haben sie allerdings auch nie behauptet. Wie sollten sie denn – so weit können die doch gar nicht denken. Wir wissen nicht, aus welchem Paralleluniversum Frau Binder ihre Wahrheiten bezieht.

Klar, kann man persönliche Defizite mit dem von der jeweiligen Person bevorzugten Verkehrsmittel verknüpfen, um in der Folge die Gruppen pauschal gegeneinander auszuspielen. Man kann auch in die Kirche kacken. Doch auch dabei käme stets nur eine einzige Erkenntnis raus: Am schlimmsten sind sowieso die Fußgänger.

Nehmen wir zum Beispiel die Infanterie. Man hat diesen Kampffußgängern kein Pferd, keinen Panzer und kein Flugzeug anvertraut, da sie sogar innerhalb der blutrünstigen und dummen Militärmaschinerie noch als unzivilisierter Abschaum gelten. Sie morden, plündern und brandschatzen auf ihren weitläufigen Spaziergängen quer durch andere Länder, die sie überfallen haben. Zu Fuß verfügen sie über genügend Muße. Sie müssen auch nicht auf den Verkehr achten – die Straßen und Brücken haben sie auf ihrem Vormarsch längst gesprengt.

Auch Amokläufer sind fast immer zu Fuß unterwegs, wie ja bereits der Name sagt. Da können sie nämlich besser treffen als vom Rad herunter oder aus dem Auto heraus. Friedliche Absichten sehen anders aus.

Bezeichnend überdies, wie nachteilig sich eine Metamorphose vom Autofahrer hin zum Fußgänger auswirkt: Neulich erst räumte vor meinen Augen ein Auto beim Rechtsabbiegen beinahe einen Radler vom Sattel, der erschrak, „hey“, rief und mit der flachen Hand vorne auf die Kühlerhaube patschte.

Der Fahrer des Wagens bremste, stieg aus und wurde so zum Fußgänger. Eben noch ein lammfrommer Autofahrer, dem man allenfalls einen Mangel an Konzentration, Rücksicht, Fahrvermögen und Respekt vor dem menschlichen Leben hätte vorwerfen können, ging der frischgebackene Fußgänger nun wie ein Berserker brüllend auf den Radfahrer los und – typisch Fußgänger! – schlug ihm die Faust ins Gesicht, so dass dieser rückwärts über seinen Drahtesel fiel. Wäre er Autofahrer geblieben, wäre das alles nicht passiert. Ein Auto schlägt nicht zu. Ein Auto schreit nicht. Es hupt höchstens mal ein bisschen.

Mein Leben als Sanduhr

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(… polnische Familien, deutsche Rentner und so junge Leute mit so Hütchen …)

Früher waren Flugreisen noch etwas Besonderes. Man sparte jahrelang darauf, machte beim Notar sein Testament und ließ sich im Taxi zum Flugplatz fahren, weil das dann auch schon egal war. In der Kabine rauchte man, trank Schnaps, schrie herum und alles war umsonst. Doch heute gibt es Ryanair. Gegen einen Flug mit den Knauser-Iren ist selbst die Fahrt mit dem Flix-Bus ein Ausbund an Extravaganz.

Beim Anstehen in dem kobenähnlichen Billigfliegerverschlag am Rektum Schönefelds lassen sich die prekären Passagiere in polnische Familien, deutsche Rentner und so junge Leute mit so Hütchen unterteilen. Dazu meine Angetraute Q. und ich, ihr Angegrauter, die wir einen crazy Querschnitt durch die drei genannten Gruppen bilden.

Es geht los nach Lanzarote. Aus dem Cockpit quakt ein Hater in gebrochenem Englisch so aggressiv wie unverständlich ins Bordmikrofon. Ich vermisse diese Sorte Pilot von deutschen Urlaubsfliegern, die mit beruhigender Munterkeit auch noch die aussichtsloseste Lage zu beschönigen weiß, und damit jener charismatischen Spezies qua Geburt braungebrannter Ärzte ähnelt, die mit ihrer Lockerheit mühelos ihre Verachtung gegenüber den Kassenpatienten überspielen können.

Denn das sind wir – die Kassenpatienten unter den Flugreisenden. Allein mit den niedrigen Ticketpreisen lässt sich der Betrieb des legendär unsympathischen Chefs Michael O’Greedy nicht refinanzieren. Deshalb muss man bei Ryanair sogar für die Kotztüten extra bezahlen. Glücklich, wer da wenigstens ein Hütchen hat. Ein nonstop turbulenter Trip wäre ein Volltreffer für die Fluggesellschaft, doch ehe sich der unternehmerische Wunsch erfüllt, setzt – schwupps! – der Flieger auch schon auf im Rentnerurlaubsparadies. Die Rentner und die Polen klatschen, die jungen Leute setzen ihre Hütchen wieder auf, wir holen unseren Mietwagen.

Ein kleiner Flughafen, eine kleine Stadt, eine kleine Insel: Und dennoch schaffen sie es, ihr Zeug derart dämlich auszuschildern, dass wir rat- und orientierungslos so oft durch den ersten Kreisverkehr fahren, bis der Urlaub fast schon wieder vorbei ist, als wir den Teufelskreis endlich aufs Geratewohl verlassen.

An der Bude, die wir im Internet gebucht haben, wartet geduldig der Besitzer. Gonzalo spricht nur Spanisch, aber kein Problem: Irgendwie verstehen wir ihn trotzdem. Spanisch ist ja praktisch Französisch minus das aufgeblasene Getue – das eine ist Weltsprache, das andere wäre es gerne – und Französisch haben wir in der Schule gelernt wie die meisten Wessis unseres Alters. Zuerst lernte man Englisch, damit man sich mit Menschen aus aller Herren Länder (außer Franzosen) verständigen konnte. Anschließend lernte man Französisch, heute weiß keiner mehr warum. Wahrscheinlich irgendwas mit Völkerfreundschaft. Druschba. Dostojewskischatelnosti. Was für die Schüler im Osten Russisch war, war für uns Französisch. Eine vom Prinzip des praktischen Nutzens völlig unberührte politische Entscheidung.

Gonzalo erklärt uns, wie man draußen den Whirlpool bedient. Er zeigt uns in der Küche Topf und Gabel. Im Bad schließlich den Eimer, in den man unbedingt die Kackpapierchen werfen muss. „Buen provecho“, sagt er schließlich,„schönen Urlaub.“ Dann empfiehlt er sich und lässt uns mit Gabel, Topf und Kackpapiercheneimer allein.

Das Wetter ist erst mal reichlich bescheiden. Da erweist es sich fast als Glück im Unglück, dass wir so lange trockenen Fußes um den Kreisverkehr gefahren sind. Das Wasser im Whirlpool ist auch zu kalt. Abends schnattern wir uns ins Bett. Morgens schnattern wir dick verpackt auf der Terrasse. Q. sagt, dass wir nicht schon vor dem Frühstück anfangen dürfen, Alkohol zu trinken. Mehr sprechen wir nicht miteinander. Das tränenerstickte Gemurmel könnte in dem Sturm ohnehin keiner verstehen. Denn sobald der Regen aufhört, verstärkt sich der Wind. Wegen des Windes sind wir ständig voller Sand. Die Haare, die Klamotten und sämtliche Körperöffnungen. Da merkt man erst wie viele Löcher, Lücken und vorperforierte Sollbruchkanten so ein Mensch haben kann, selbst an Stellen, die man bis dahin für komplett undurchlässig gehalten hätte. Feinster Sand krümelt sogar aus den Poren. Als der Kackpapiercheneimer voll ist, fliegen wir wieder heim. Das Auto lassen wir sicherheitshalber am Kreisverkehr stehen und gehen die letzten fünfzig Meter zu Fuß. Endlich brennt nun auch die Sonne vom Himmel.

Nachtrag. Zuhause rieselt weiter beständig Sand aus mir heraus. Vor allem, wenn ich mich auf den Kopf stelle, rinnt mir eine halbe Wüste aus dem Kragen. Immerhin hat sich mein Zeitgefühl stark verbessert. Nach exakt zehn Minuten stelle ich mich auf die Füße zurück. Der Schwerpunkt des Rieselns verlagert sich wieder auf die Hosenbeine.

Die Zeit ist reif

engelversammlung

Die britische Regierung hat posthum Tausende Männer begnadigt, die für ihre vormals strafbare Homosexualität verurteilt wurden. Grundlage des großzügigen Gnadenakts ist das sogenannte „Turing-Gesetz“. Der britische Mathematiker Alan Turing hatte während des Zweiten Weltkriegs entscheidenden Anteil an der Entschlüsselung der deutschen Funksprüche und rettete damit der gesamten, vergleichsweise freien Welt ihren verdammten Arsch. Die Betonung liegt hier auf „vergleichsweise“ – davon konnte der schwule Turing selbst ein Lied mit siebzehn bitteren Strophen singen, deren letzte von seinem Selbstmord im Jahre 1954 handelte. Zuvor hatte man ihn zu einer chemischen Kastration verdonnert, die eine schwere Depression auslöste. Leistung schützt vor Strafe nicht.

2011 war seine Begnadigung noch abgelehnt worden. „Lasst die Schwuchtel für ihr ekelhaftes Laster ruhig noch ein bisschen brummen“, war die dahinter stehende juristische Erwägung. Und bevor nun jemand empört aufschreit, sollte er sich den kulturellen Background der Weigerung vor Augen führen. Denn man schrieb gerade mal das 21. Jahrhundert in einer führenden westeuropäischen Industrienation. Die Zeit war schlicht nicht reif für solche Eskapismen. Der Krieg war kaum siebzig Jahre vorbei, das Beamen steckte noch immer in den Kinderschuhen und nur wenig früher hatten in Deutschland durchgeknallte Utopisten den Hippie-Einfall, Vergewaltigung in der Ehe zu bestrafen, eiskalt in die Tat umgesetzt – ein warnendes Beispiel für Politiker auf der ganzen Welt, sich niemals vorschnell über das Volksempfinden hinwegzusetzen. Aber die Jahrtausendwende galt ohnehin als Blütezeit bizarrster gesellschaftlicher Experimente.

Queen Elizabeth, die als Mutter eines schwulen Sohnes der Materie naturgemäß ein wenig aufgeschlossener gegenüberstand, beendete 2013 mit einem „Royal Pardon“ endlich den unwürdigen Eiertanz um Turings Würde.

In Deutschland wurden übrigens nur einschlägige Urteile aus der NS-Zeit aufgehoben. Über die Rehabilitierung späterer Opfer des bereits 1994 (!) aus einer postmodernen Grille heraus gestrichenen Paragraphen 175, der sexuelle Handlungen unter erwachsenen Männern unter Strafe stellte, denkt man heute noch gründlich nach. Vielleicht haben diese warmen Brüder ja doch was ausgefressen? Sonst hätte es das Gesetz doch sicher nicht gegeben. Und so ein fataler Schnellschuss wie das Vergewaltigungsverbot (s.o.) darf auf deutschem Boden nicht nochmal passieren.

Um uns hierzulande ein besseres Urteil bilden zu können, begeben wir uns nach England und sehen uns die Reaktionen der direkt Betroffenen dort an. Der vor dreißig Jahren verstorbene Samuel Paisley (114) aus Sunderland rotiert jedenfalls vor Freude wie ein Brummkreisel im geöffneten Sarg, als ihm ein Filmteam der BBC die Begnadigungsurkunde überreicht. Bei dem lauten Geklapper der Knochen können wir seine Worte kaum verstehen, nur irgendwas mit „danke“ und „dunkel“ und „hätte ich jetzt echt nicht mehr gedacht“.

Erst mit der Begnadigung finden die Seelen der Verurteilten endgültig ihre Ruhe. Bislang vermochte allenfalls ein silberner Pflock, zweimal täglich etwa eine Stunde vor den Mahlzeiten ins Herz getrieben, der ewigen Unrast Linderung zu verschaffen. Und wer keine Angehörigen besaß, die dafür Sorge trugen, hatte eben Pech, denn Vorbestraften verweigerte die Krankenkasse die Übernahme jeder postpalliativen Therapie.

Der Rückgang der Zahlen schwuler Zombies klingt nicht nur für Nachtschwärmer durchaus nach einer positiven Entwicklung. Von der Kühnheit, dem Tempo und der Humanität ihrer eigenen Entscheidung wie berauscht, arbeiten Legislative und Judikative bereits Hand in Hand am nächsten Coup. Und zwar in ganz Europa. Könnte man nicht auch die zahllosen verurteilten, ermordeten und verbrannten Ketzer und Hexen mit nachträglichen Freisprüchen bedenken? Wie viele Wählerstimmen ließen sich damit allein im Kundenkreis von „Kräuter-Kühne“ mobilisieren! Die Akten jugendlicher Intensivtäter müssen solange warten. Das große Ganze geht nun mal vor.

Im Fall der Hexen zögert der Gesetzgeber. Allzu vage geben sich die Quellen: Hat denn nun die Schadenzauberin Mathilde von Bissingen im Jahre 1553 dem Dorfkrämer tatsächlich einen Schweineschwanz ans Hinterteil gehext oder nicht? Bis zur eindeutigen Klärung ist die Aussicht auf einen Freispruch ähnlich einzuschätzen wie die vieler NS-Zwangsarbeiter auf Entschädigung.

Doch Ketzer haben eine reale Chance, zumindest in eher protestantisch oder atheistisch geprägten Regionen. Ein gutes Beispiel ist das des Seyfried Barnabas Potolke, des berühmten Wiederkäuers von Hoppenstedt, der von der Inquisition wie eine Currywurst in kleine Scheiben geschnitten, mit der Asche eines tollwütigen Wolfs bestreut und dann dem tobenden Mob mit Scheiße übergossen auf einem Pappteller präsentiert wurde. Anlässlich seines sechshundertsten Todestages im Jahre 2016 sandte kein Geringerer als Justizminister Heiko Maas persönlich den Nachfahren des Fehlgläubigen eine Weihnachtskarte mit dem bündigen Text: „Sorry!“ Ein Anfang ist gemacht; so kann Versöhnung aussehen und die Justiz sich ihrer historischen Verantwortung stellen.

Mittlerweile hoffen sogar diejenigen Verstorbenen, deren Kutschen, Draisinen oder Automobile wegen ambulanter Parkverbote aufgrund von Baumarbeiten abgeschleppt wurden, dass die entsprechenden Vermerke von ihren Grabsteinen getilgt werden. Doch bis zu quasi schrankenloser Toleranz ist es noch ein weiter Weg.