Archiv der Kategorie: Blök

Tötet sie alle!

P1090613.JPG

Und schon wieder ist uns in der Gartenhütte so eine niedliche kleine Maus in die Falle gegangen. Tot natürlich. Dafür haben wir die Falle ja aufgestellt. Klatsch, peng, tot. Als eine Freundin davon hört, fragt sie, warum, wenn überhaupt eine, wir denn keine Lebendfalle verwendeten.

Ich labere irgendwas von notorisch unzuverlässigen Lebendfallen, die dem Tier noch mehr Schmerz zufügen könnten. Aber eigentlich habe ich herzlich wenig Ahnung. Es ist einfach nur so, dass die Maus nach ihrer Entlassung in den Garten sofort – schlender, pfeif – rotzfrech und mit noch umgebundenem Lätzchen wieder zurückkäme, um in der Küche das kaum unterbrochene Mahl fortzusetzen.

In Kanada werden Problembären lebend gefangen, abtransportiert und dann hunderte von Kilometern entfernt wieder ausgesetzt. Wandert der Bär zurück und macht weiter Stress, erhält er mindestens eine weitere Chance, bevor ihm endlich irgendwann mal eine auf den Pelz gebrannt wird. Über diese Mittel und Strukturen verfügen wir aber nicht. Wir sehen uns nicht in der Lage, dasselbe für die Mäuse zu leisten. Deshalb also die Genickbruchfalle.

Die Frage nach dem Warum: Nun, die Mäuse fressen alles. Sie knabbern auch alles an und kaputt und durch, und längst nicht nur Lebensmittel. Eines Tages zernagen die noch mal ein Stromkabel. Sie kacken alles voll und verursachen damit nachweislich üble Krankheiten. Sie poltern nachts durch die Hütte, so dass keine Sau schlafen kann. Die Menschheit versucht seit über zehntausend Jahren, Ratten und Mäuse kurzzuhalten. Und durch Wegtragen hat das noch keiner geschafft.

Aber wohl ist uns nicht dabei. Für einen urbanen Sesselpuper fühlt es sich komisch an, ein Säugetier zu töten, und „komisch“ meine ich jetzt nicht im Sinn von „lustig“. Doch wer Fleisch von Säugetieren und Vögeln isst, sollte auch Säugetiere und Vögel töten können; wer Fleisch von Wiesenhof isst, darüber hinaus in der Lage sein, Menschen zu töten, Häuser anzuzünden und Omis mit dem Enkeltrick auszunehmen. Wer wiederum Insekten erschlägt, sollte sie hinterher auch essen – den Stachel kann man meinetwegen vorher entfernen. Unsere moderne Welt ist so voll ungeschriebener Regeln, dass man oft kaum noch durchblickt.

Dabei sammelte ich bereits als kleines Kind Erfahrung mit dem Töten. Unsere überaus fleißige Familienkatze schleppte alles an, was sich nicht bei drei auf den Baum, in die Luft oder unter die Erde retten konnte. Im Portfolio hatte sie Mäuse, Vögel, Maulwürfe und Siebenschläfer – nur den Zauneidechsen war die Gnade ihrer vorherigen Ausrottung beschieden. Ich musste dann die halbtoten Opfer mit der Schaufel erschlagen, um ihr Leiden zu verkürzen. Die bittere Pflicht fiel automatisch mir zu, da ich schon mit fünf Jahren als vollkommen krank im Kopf und unvorstellbar grausam galt. Eine echte Win-win-Situation: Mein kindlicher Blutdurst wurde aufs trefflichste gestillt, während die reinen Seelchen meiner Geschwister unversehrt blieben. Bald war mir das Töten speziell warmblütiger Lebewesen zur Passion geworden. Erst als ich mit Anfang vierzig plötzlich die Liebe kennenlernte, wuchs in mir zugleich mit der Freude am eigenen auch der Respekt vor dem anderen Leben.

Doch immerhin hat das Töten bei mir noch einen Sinn. Von der Jagd kann man das weniger behaupten. Viele der erlegten Tiere wie Fuchs, Elster und Waldspaziergänger werden ja noch nicht einmal verzehrt. Beim Jagen geht es nur ums Töten an sich. Von irgendwelcher Folklore an frischer Luft braucht mir hier keiner zu quatschen, geschweige denn von einer edlen Hege des Wildes. Hege durch Erschießung? Das wäre doch, als würde ein Erzieher die Kinder verdreschen und das als Mittagsschlaf verkaufen.

Nur ab und zu geht die gute alte Mordlust doch mal wieder mit mir durch. Wir würden viel mehr Mäuse fangen, gab ich neulich zu bedenken, wenn wir nicht in der Hütte untätig darauf warteten, dass alle Jubeltage einmal eine zu uns eindrang. Sondern, wenn wir sie stattdessen offensiv in ihrem Lebensraum aufsuchten. Also eine große Menge Mausefallen erwürben und die überall im Wald verteilt aufstellten. Dann wäre die Mäuseernte garantiert viel reichhaltiger. Dasselbe Prinzip hatte ich als Kind mit gutem Erfolg studiert: Brachte die Katze wegen Streik, Krankheit oder Urlaub nicht genug Nachschub, begab ich mich mit der Schaufel in die Natur, um Bodenbrüter samt Gelege zu erschlagen. Davon schwärmte ich nun mit sportpalastmäßiger Begeisterung meiner Freundin vor, die Wangen glühten, ich sah vor meinem inneren Auge eine Strecke von wohl hunderttausend toten Mäusen.

Doch ihr strenger Blick genügte und ich verstummte. Mit ernstem, ja mitfühlendem Blick griff ich nach der bestückten Falle in der Küche, trug sie hinaus und hielt sie über den Gartenzaun, hinter dem gleich der Wald beginnt. Ein Druck auf den Hebel, die tote Maus war frei und harrte ihrer häppchenweisen Bestattung durch kleine schwarze Käfer. Mit gesenktem Kopf sprach ich ein kurzes Gebet: Danke, Schwester Maus, dass du für die Unversehrtheit unserer Vorräte gestorben bist; danke, dass du dich für unsere Nachtruhe geopfert hast; danke …

Advertisements

Wie ein geköpftes Huhn

P1100462.JPG

Es scheint was faul im Staate Dänemark – hier der rätselhafte Fall in Kürze: Der dänische Bastler Peter Madsen (46) fährt mit der schwedischen Journalistin Kim Wall (30) in seinem selbst gebauten U-Boot „UC3 Nautilus“ auf die Ostsee hinaus. Als die alarmierte dänische Marine Madsen später von dem sinkenden Gefährt rettet, fehlt von Wall jede Spur. Nachdem ein im Wasser treibender weiblicher Torso gefunden wurde, ändert Madsen seine ursprüngliche Aussage, er habe die Frau bereits am Vorabend wieder an Land abgesetzt, und spricht nun davon, an Bord habe es „einen Unfall gegeben.“

Fast möchte man denken, hier wären die Drehbuchautoren der Krimiserie „die Brücke“ am Werk, einer dänisch-schwedischen Koproduktion, die links und rechts des Öresunds spielt, und in deren Mittelpunkt stets eine Kette bizarrer Ritualmorde steht, wie sie in den kriminalitätsverseuchten Nordländern bekanntermaßen die Regel sind.

Doch oft gibt es ja eine ganz einfache Erklärung. Es ist uns gelungen, Madsen in der Kopenhagener Untersuchungshaft zu besuchen, in der man ihn unerklärlicherweise gefangen hält. Würde man Jeden, der am Rande in einen Unfall verwickelt ist, einsperren, säßen wohl Milliarden im Knast.

Der Erfinder bleibt angesichts der Umstände bewundernswert ruhig und kooperativ. Kein böses Wort gegen die Behörden kommt über seine Lippen. „Die tun alle nur ihre Pflicht“, betont er. „So etwas ist bei Unfällen eben Routine. Das blöde Missverständnis wird sich bald aufklären.“

Wir konfrontieren den Tüftler mit seinen widersprüchlichen Aussagen. Er lacht. „Nun, dann hatte ich sie wohl doch nicht abgesetzt“, sagt er. Er zeigt das breite, etwas undurchsichtige „Madsen-Schmunzeln“, wie man es bereits von den Pressekonferenzen kennt, auf denen er seine neuesten Erfindungen vorzustellen pflegt: Kakao-Inhalatoren, Geld aus Luft, Molchrennbahnen mit angegliederter Shopping Mall. „Ich glaube, ich habe das einfach geträumt und dann in dem ganzen Untergangsstress Traum und Realität durcheinander gebracht. Das kann schon mal passieren.“

Wir nicken. Denn hier wird auf Anhieb klar: Dieser Mann macht keine halben Sachen und handelt höchst verantwortlich. So auch beim Bau einer mit Pupsgas betriebenen Rakete aus Pappmaschee. Obwohl für einen bemannten Flug zum Merkur geplant, testete er das Flugobjekt umsichtig ohne Besatzung. Ein genialer Schachzug, denn der mit gesammelten Weinkorken hitzefest gemachte Flugkörper stürzte nach hundertfünfunddreißig Metern wie ein nordkoreanischer Atomsack in das kalte Brackwasser der Bucht von Løffel.

Seine vierzig Mitstreiter, die er aus diversen Mentalgenesungsheimen zwischen Bøllerbø und Hengstenberg rekrutiert hatte, hatten offenbar gepfuscht. Dass er sich daraufhin logischerweise von ihnen trennte, kleidet der „Spiegel“ in die diffamierenden Worte: „Aber mit Menschen hatte er es eben nicht so.“

Sogar die Presse ist also in die infame Hetzjagd involviert und lässt sich bereitwillig vor den Karren eines korrupten Polizeiapparates spannen. Das Intrigengespinst lässt erahnen, wie bemüht die dänische Polizei ihre Vorwürfe konstruiert. Man fragt sich schon, was hinter diesem sich anbahnenden ungeheuerlichen Justizskandal und den an den Haaren herbeigezogenen Verdächtigungen stecken mag. Ist es Neid? Gibt es womöglich politische Direktiven von ganz oben in Gestalt des dänischen Ministerpräsidenten Lars Løkke Rasmussen oder gar der Königin? Denen schließlich völlig klar ist, dass sie ihre Posten sofort in die Tonne treten können, sobald es einem Genius wie Madsen auch nur entfernt in den Sinn käme, selbst danach zu greifen.

Die Art und Weise wie einem „Verdächtigen“ das Wort im Mund herum gedreht und aus einem Nichts hanebüchene Vorwürfe gedrechselt werden, erinnert an türkische Verhältnisse. Kim Wall würde das gewiss nicht wollen. Die Reporterin, die schon „an vielen gefährlichen Orten gearbeitet hat“ (AP/taz), wusste um das Risiko. Gefahr war für sie ein integrativer Bestandteil ihres Lebens; an Bord der Nautilus zu gehen, war quasi eine Einverständniserklärung, dass dort alles passieren konnte.

„Ich habe Kim eingeschärft, sie solle bloß nichts anfassen“, erläutert Madsen weiter. „Das Boot ist nun mal vollgestopft mit gefährlichen und scharfkantigen Gegenständen. Aber sie wissen ja“, er lacht, „Journalisten sind wie kleine Kinder. Gerade das, was sie nicht dürfen, zieht sie immer ganz besonders an.“

Der bis dahin so locker und aufgeräumt wirkende Edelschrauber wirkt nun doch fast ein wenig nachdenklich, als er zu der Schilderung des eigentlichen Unfalls kommt. Wie die junge Frau erst mit den Armen unglücklich in eine zufällig herumstehende Turbine, dann mit Beinen und Kopf in eine laufende Kreissäge gerät, und schließlich wie ein geköpftes Huhn aus dem Boot rennt (ohne Beine? Aber gut, das sind kleinliche Details) und am Ende in die nächtliche Ostsee springt.

„Dabei hat sie dann auch noch einen Ballasttank beschädigt“, sinniert Peter Madsen. „Das ist bestimmt das letzte Mal, dass ich Pressevertreter auf mein U-Boot lasse.“

Frühstücksnazis

P1100684.JPG

Der „Kulturzug“ Berlin – Breslau der nur einmal täglich am Wochenende verkehrt, ist die einzige Direktverbindung zwischen diesen beiden Städten. Ein kluger Schachzug der Initiatoren: Ein bisschen Kulturangebot auf der Fahrt, Förderung eingeholt, das ganze professionell an die Presse lanciert und schon kommt die Deutsche Bahn nicht mehr so richtig aus der Zwickmühle heraus. Wenigstens von Mai bis September muss sie nun zähneknirschend exakt den Zumutungen nachkommen, die sie am meisten hasst: Bahnstrecken bedienen, Lücken in der Infrastruktur schließen, international denken und – igitt! – Passagiere befördern.

Gemeinsam mit den Kollegen Roman und Michael werde ich auf der Rückfahrt nach Berlin den Mitreisenden aus Büchern von Horst Evers und Ronja von Rönne vorlesen. Und so sitzen wir nun am Sonntagmorgen im Frühstücksraum eines Breslauer Hotels.

Am Buffet fällt uns ein Paar auf. Der Mann ist rechteckig, die Frau eher rund. Mir kommt ein imaginäres Bilderbuch in den Sinn, das Kleinkindern spielerisch die Wunder der Geometrie näher bringt: Das kleine Rechteck und der kleine Kreis begegnen sich auf dem verwunschenen Kästchenpapier. Sie können sich erst nicht leiden, lernen sich dann aber besser kennen. Am Ende werden sie schier unzertrennliche Freunde und gehen zusammen mit der Raute ein Dreiecksverhältnis ein. Die Geschichte ist obendrein ein Lehrstück für Vielfalt, Toleranz und gegen Vorurteile.

Der rechteckige Mann hat einen quadratischen Kopf mit ungesund roter Gesichtsfarbe. Er trägt eine kurze Hose und ein graues T-Shirt. Auf dem Rücken steht in Frakturschrift „Oberschlesien“. Gerade hier in Niederschlesien kann man das durchaus als Statement werten. Die Frau und er setzen sich an einen Tisch, an den sich nach und nach weitere Freunde, respektive Kameraden gesellen: ähnlicher Phänotyp, ebenfalls kurze Hosen und drei von ihnen tragen Shirts mit der Aufschrift „’Der Dritte Weg‘ – National. Sozial. Revolutionär“.

Frühstücksnazis also. In Breslau. Ab heute sage ich lieber Wrocław, um mich mit denen nicht gemein zu machen. Wollten die bloß gucken, wie Oma so lebte? Oder bereiten sie die Wiedereingliederung des Gaus Schlesien in das Reichsgebiet vor? Und da besetzen sie als erstes schon mal den Frühstücksraum des Hotels „Piast“ am Hauptbahnhof. So als strategischen Brückenkopf.

Natürlich weiß der feuerrote Quadratschädel nicht, dass die Nazis die Frakturschrift überhaupt erst abgeschafft haben. Die war ihnen viel zu verspielt. Sie bevorzugten klare Linien, nationalsozialistische Kunst am Buchstaben. Heute würden sie wohl den Schrifttyp Arial verwenden. Da passt sogar der Name.

Apropos feuerroter Quadratschädel: Natürlich möchte ich nicht in die beliebte Falle tappen, Nazis ausgerechnet über ihr Aussehen zu dissen, für das sie ja nichts können. So, als gäbe es keine echten Argumente gegen sie. Aber dieser Choleriker aus dem Medizinlehrbuch nährt in mir nun mal die berechtigte Hoffnung, dass ihn das hochexplosive Gemisch aus Alkoholismus, Bosheit und Bluthochdruck zeitnah und mit Schmackes ans hintere Ende von Odins Tafel katapultieren wird. Und das wäre in der Tat ein großer Gewinn für die Menschheit.

Lautes, heiseres Lachen dringt zu uns herüber. Es ist ein geradezu klischeehaftes Bösewichtgelächter. Auf ihren internetfähigen Mobiltelefonen zeigen sie sich gegenseitig irgendwelche Clips. Wahrscheinlich rechte Konzerte, brennende Wohnheime, sterbende Menschen mit dunkler Hautfarbe. Sie haben offensichtlich großen Spaß. Auch das Rührei schmeckt ihnen.

Ich werde ein wenig neidisch. „Warum sind böse Menschen bloß immer so fröhlich?“, frage ich an unserem Tisch die Kollegen. „Das ist doch irgendwie ungerecht.“ Denn wir sind alle drei eher stille Charaktere, so auf typische, leicht verhuschte Autorenart. Ich selber bin dazu noch meistens ziemlich traurig. Dabei sind wir doch die Guten. Also zumindest in Relation zu denen. Da müssten wir doch eigentlich viel vergnügter sein.

Die beiden nicken stumm. Sie wirken einmal mehr völlig niedergeschlagen. Vielleicht, kommt mir auf einmal in so einem unerhörten Lottmann-Twist der Gedanke, der meinem gesamten bisherigen Leben das Etikett „Entwertet“ aufkleben würde, haben die Bösen ja einfach Recht. Und deshalb freuen sie sich. Guten Gewissens. Denn sie sind in Wahrheit die Guten und wir sind die Bösen. Bestimmt sind andere Menschen wirklich weniger wert und wir wussten es nur nicht, weil das Prinzip uns vollkommen unlogisch erschien. Die Krone der Schöpfung wäre demnach tatsächlich der rechteckige, deutsche Mann. Viele Afrikaner können ja auch ganz schlecht deutsch. Hat denn darüber überhaupt schon mal einer von uns neunmalklugen Kulturfolgern nachgedacht? Am deutschen Schlesien muss die Welt genesien. Und sicher habt ihr alle schon mal ner Frau, die ihre Tage kriegt, beim Einparken zugesehen. Au Backe. Vor meinem inneren Auge entblättern sich Zusammenhänge wie untote Burlesuqe-Tänzerinnen.

Vielleicht gehe ich nachher mal kurz rüber und starte eine unverbindliche („Heil Hitler, Kameraden. Habt ihr irgendwo die Frühstücksflocken gesehen?“) Unterhaltung. Und dann frage ich sie so ganz nebenbei nach ihrem Geheimnis: Wie man es schafft, aus Ungerechtigkeit und Hass so viel Lebensfreude zu schöpfen und derart mit sich im Reinen zu sein. Während Unsereiner in seiner ethischen Sackgasse verbittert vor sich hin heult bis zum jüngsten Tag oder bis zum Endsieg der Anderen.

Nach dem Frühstück fahren wieder runter zu den Zimmern. Als sich die Fahrstuhltür in der falschen Etage öffnet, glotzt uns von draußen einer der Nazis entgegen: dumm, ernst und rechteckig. „Dritter Stock“, labert einer von uns wie ein Liftboy: „Damenkonfektion, Kurzwaren, Führerhauptquartier.“ Die Tür schließt sich, zum Glück auch einigermaßen zügig. Und dann müssen wir endlich doch ein bisschen lachen.

Totschlagargumente

P1100667.JPG

Seit die Grünen gemerkt haben, dass sie Arme und Ausländer eigentlich doch eher doof finden, konzentrieren sie sich auf eine neue Klientel unter den Schwächsten der Schwachen: die Insekten, und dabei besonders die Bienen, unsere flauschigen Obersympathieträger unter den Hautflüglern. Warme Milch mit Honig, Biene Maja, Bienenstich mit Puddingfüllung: Damit wird bald Schluss sein; man rechnet mit einem Insektenschwund von achtzig Prozent. „Merken kann es jeder Autofahrer daran, dass er die Windschutzscheibe kaum noch von toten Insekten reinigen muss“, sekundiert die Süddeutsche Zeitung mit eigenen Forschungsresultaten, gesponsert von BMW.

Die Orientierung der Bienen wird durch Umweltgifte, elektromagnetische Strahlung in der Atmosphäre sowie ein Übermaß an verwirrenden Hinweisschildern gestört“, bestätigt Hedwig Klapproth (42), Insektenreferentin der Grünen im Wahlkreis Remscheid-Dörfeld. „Oft bringen Passanten vollkommen apathische Exemplare zu uns ins Parteibüro. Denen müssen wir dann alles von Grund auf neu beibringen: Tanzen, Sammeln, Bestäuben. Im Garten hinter dem Haus lehrt ein pensionierter Tanzlehrer unentgeltlich Schritte von Walzer über Rumba bis zur Warnung vor einem Wespenangriff; andere Ehrenamtliche setzen die Tiere auf Blüten, massieren ihnen den Rücken und sprechen beruhigend auf sie ein. Nach ein paar Monaten werden sie ausgewildert, doch leider stehen viele schon zwei Tage später wieder dumm brummend vor der Tür. Manche scheinen richtiggehend süchtig nach Pestiziden zu sein und setzen sich extra in besonders belastete Wiesen und Felder. Bei denen müssen wir vor dem Trainingsprogramm zunächst einen Entzug durchführen.“

Und als wäre das der Schwierigkeiten nicht genug, mobben sich die Insekten auch noch gegenseitig. Spinnen killen Mücken, Wespen töten Fliegen und ein Bienenvolk, das sich die Varroamilbe ausgeguckt hat, braucht auch keine Chemie mehr, um auszusterben. Warum halten die Mädels nicht wenigstens zusammen, wenn ihnen das Wasser doch schon bis zum Hals steht?

Auch im seriösesten Medium aller Zeiten hat jemand einen Clip gepostet, in dem man der Welt im Zeitraffer beim sukzessiven Verrecken zusehen konnte. Und zwar wegen der fehlenden Insekten. Gezeigt wurde eine Kausallawine infernalischen Ausmaßes: Erst krepierten die Mücken, dann die Mäuse, dann die Eulen und so weiter. Am Ende standen wie in dem Film „WALL E“ nur noch rauchende Ruinen rum, dazwischen ein verrosteter Wäscheständer oder so – man konnte es nicht genau erkennen –, doch der Sonnenuntergang im Hintergrund war sehr schön. Lebewesen allerdings Fehlanzeige. Zum Glück war das nur Facebook.

Ich selber hatte für Insekten meist nur Totschlagargumente übrig. Die böse Bremse, die lästige Laus, die garstige Gnitze: Sie alle standen gewaltig unter meiner Fuchtel, sobald ich mich nur ins Freie begab. Auch die wenigen Insekten, die es schafften in meine Wohnung einzudringen, bezahlten ihre Keckheit mit der letzten Ruhe in offenen Gräbern an den Wänden – ihre Grabsteine waren sie selber. So mancher Kakerlake wies ich gar mithilfe eines Profikillers die Tür ins Jenseits. Am allerschlimmsten fand ich jedoch stets die Schmetterlinge mit ihrem eitlen Gegaukel. Wenn ich die bloß von weitem sah – gaukel, gaukel, gaukel -, traten mir schon automatisch Tränen des Zorns und der Abscheu in die Augen und ich dachte bloß noch eins: Auf die Fresse!

Aber zu kurz gedacht – das sehe ich jetzt auch ein. Mit Insekten verhält es sich ein bisschen wie mit der Polizei: Man assoziiert sie gern mit etwas Unangenehmen und bekommt auch schnell ein komisches Gefühl bei ihrem Anblick. Dennoch hätte ihr plötzliches, ersatzloses Verschwinden wahrscheinlich keine guten Folgen – da haben die Grünen ausnahmsweise Recht. Bevor man also bessere Ideen entwickelt hat, die mannigfaltigen Funktionen der Insekten auszufüllen (z.B. winzige Bauarbeiter statt Ameisen), muss man sich notgedrungen um den Erhalt der Kerbtiere kümmern (erstaunlicherweise sind selbst Granatenarschlöcher wie die Wespe ohnehin geschützt).

Daher habe ich mich mit anderen Freiwilligen zum Insektenzählen gemeldet – irgendwer muss ja auf die achtzig Prozent Schwund gekommen sein. In mühseliger Kleinarbeit werden die Insekten eingefangen, gezählt, beringt und wieder freigelassen. Die Beobachtung der Windschutzscheiben ist nämlich eine ungeeignete Methode: Natürlich haben die pfiffigen kleinen Kerlchen im Laufe von Abermillionen Generationen gelernt, den Autos auszuweichen. Bevor sie eine Autobahn überqueren, gucken sie mehrmals nach links und nach rechts. Zirpen oder summen sich Warnungen zu. Und zur Not warten sie eben. Die wenigen Insekten, die dann noch auf der Scheibe landen, sind meist unerfahrene Jungtiere oder auch ältere männliche Individuen, die das Nachlassen ihrer Grundschnelligkeit nicht wahrhaben wollen. Und so sind es in der Mehrheit die alten Patriarchen (oft Mistkäfer oder Holzböcke), die hinterher im grauen Eimer an der Autobahntankstelle schwimmen.

Der Fluch des Rubbelloses

P1100641

Normalerweise nehme ich morgens immer nur ein halbes Glas lauwarmes Wasser zu mir. Das reinigt die Seele von Anhaftungen und bringt den Geist zum Leuchten. Danach bin ich für einen weiteren Tag des verzweifelten Ringens mit meiner brotlosen Kunst gewappnet. Aber ich brauche ja kein Brot, da ich doch das Leuchten habe.

Dennoch stapeln sich in meinem Kühlschrank neuerdings die Lebensmittel. Denn bei Edeka erhält man bei jedem Einkauf nun ein Rubbellos. Da gibt es ganz tolle Preise zu gewinnen. Ein Auto zum Beispiel oder ein Jahr Mietfreiheit. Man muss nur auf sechs Feldern dreimal das zum jeweiligen Gewinn gehörende Symbol freirubbeln. Drei von sechs: ein Kinderspiel, sollte man meinen, und ich war schon öfter so nah dran! Zweimal hätte ich fast die Vespa gewonnen. Das heißt, ich hatte schon nach kurzem Rubbeln zweimal das Vespa-Symbol freigelegt. Es fehlte nur noch ein korrektes Feld, praktisch ein Elfmeter, und was kam dann? Nichts! Das muss man sich mal vorstellen! Und beim zweiten Mal genau dasselbe.

Das kann im Grunde gar nicht sein, dass man da immer so knapp vorbeischrammt. Hab ich mir irgendwann gedacht. So viel Pech kann doch ein Mensch allein überhaupt nicht haben. Manchmal denke ich fast, die wollen einen richtiggehend dazu verlocken, dass man dort einkauft. Und es geht ihnen gar nicht darum, dass sich irgendjemand freut, weil er was gewonnen hat. Das riecht doch nach Betrug!

Ich hätte gute Lust, zur Polizei zu gehen, aber ich hab ja keine Beweise. Jedenfalls noch nicht. Als ich wie so oft zum dritten Mal am Tag in der Kassenschlange stand, kam mir die Idee: Im Grunde müsste ich mich in die Schaltzentrale der Betrüger schmuggeln, um ihre Machenschaften aufzudecken. Erst die Kamera am Zaun mit einem Steinwurf ausschalten und die Hunde mit so einer Schlafmittelwurst, dann hinter den Wachen vorbeischleichen und durch so enge Lüftungsschachts kriechen, bis hin zu dem Raum, wo die Halunken Sekt trinken und ihre Verbrechen planen. Und dann von oben durch so ein kleines Lüftungsgitter hindurch alles in Bild und Ton dokumentieren. Haarklein. Das wäre sicher gefährlich, aber einer muss es ja tun. Und viele Leute scheinen gar nicht zu wissen, wie sehr sie manipuliert werden. Die kümmern sich bloß um Armut, Ausbeutung, Unterdrückung und so’n Kram anstatt um die richtigen Schweinereien.

Denn längst bin ich rubbellossüchtig. Edeka hat mich verantwortungslos angefixt. Es ist die undankbarste Variante der Spielsucht. Denn der gewöhnliche Spielsüchtige wird wiederholt mit kurzen Zwischenerfolgen belohnt, die ihn dann weitermachen lassen – ähnlich dem Mechanismus bei der Sucht nach Substanzen: Sucht nach dem Kick, Befriedigung durch den Kick, Abflauen des Sättigungszustands, Anschwellen der Sucht und alles wieder von vorn.

Die Rubbellossucht läuft anders ab: Sucht nach dem Kick, Rubbeln, Enttäuschung, erneute Sucht. No kick. Erfolglos rubbelt man sich die Finger wund: Es ist wie Masturbation ohne Höhepunkt. Die Sucht nach Substanzen kennt nur ein vergleichbares Beispiel: Auch beim Rauchen fehlt weitgehend ein spürbarer Belohnungseffekt, es sei denn, man bezeichnete es als Belohnung, nicht auszurasten. Nur wer länger nicht geraucht hat, spürt allenfalls mal so einen leichten Duller in der Birne. Und der ist noch nicht einmal besonders angenehm, nicht zuletzt da einem der üble Geschmack nun noch mehr auffällt als sonst.

Wie sinnvoll und ergiebig ist im Vergleich das edle Trinken. Konsum und Effekt, Likörchen und Späßchen, Batsch und Bumm. Den simplen Zusammenhang schnallen sogar Versuchstiere, und die wissen bekanntermaßen eh immer am besten, was gut für sie ist.

Vom Rauchen bekommt man hingegen bloß Kopfschmerzen. Der Missbrauch von Rubbellosen wiederum führt zu wunden Fingerspitzen, überfüllten Schränke, in denen überflüssige Lebensmittel vor sich hin gammeln, sowie einem überzogenen Girokonto. Die mit der Entwöhnung verbundene Verhaltenstherapie ist aufwändig. Die besten Erfolge erzielt man noch mit präparierten Losattrappen, die, sobald man sich zu den „Gewinn“-Feldern durchgerubbelt hat, Stromstöße verteilen. Der Strom muss allerdings grenzwertig stark sein, um Schmerzen in einer Intensität auszulösen, die auch das Unterbewusstsein speichert. Das überlebt nicht jeder, doch vielleicht ist ein rascher Tod besser als die ewige demütigende Abhängigkeit von Edeka.

Das Büro

P1100640

Solange man ihn auch hinauszögert, kommt irgendwann doch der Moment, an dem man sich eingestehen muss, dass hochfliegende Pläne gescheitert sind. Im Großen können das Konzepte sein wie Demokratie, Religion oder ein 3-5-2 mit weit vorgezogenen Außenverteidigern. Im Kleinen ist es die Einsicht, dass der, unter Navigation einer falschen Idee von sich selbst eingeschlagene, Weg in eine Sackgasse führt. Das bisherige Leben: ein Irrtum. Ein radikaler Schnitt muss her.

Was mich betrifft, möchte ich in Zukunft einem geregelten Broterwerb nachgehen und mich von der Schnapsidee des bezahlten Autorenberufes endgültig verabschieden. Endlich Schluss mit den mühseligen Versuchen, die fauligen Früchte eigener „Geistestätigkeit“ Subjekten anzudrehen, die sie offenkundig weder wollen noch brauchen. Der Betrug ist eh längst aufgeflogen. Wer ein Buch gekauft hatte, warnte die anderen wie ein Murmeltier. Eine letztlich bescheidene Inselbegabung in einem Meer aus Emotionsarmut und Lustlosigkeit taugt vielleicht zum Hobby, aber nicht zum Beruf.

Erschreckend, aber auch ein wenig niedlich, welch große Hoffnungen vergleichbar Veranlagte sich dennoch weiterhin machen. Sie denken wohl, dass alles besser wird: sie, ihre Fähigkeiten, die Umstände. Den Zahn kann ich ihnen ziehen, und zwar mit der ganz großen Zange: Nichts wird jemals besser werden. Warum sollte es das auch? Das Talent kennt nur eine Marschrichtung und die lautet: bergab. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr; wer jetzt zu doof ist, wird es immer bleiben … optimism is just another word for nothing left to lose. Aber gut, das soll mein Problem nicht sein. Ich wünsche ihnen aufrichtig Glück – das ist neben mangelnder Selbsteinschätzung in der Branche ohnehin das Wichtigste.

Lamento bringt nichts – schließlich lebst du nicht dein Leben, dein Leben lebt dich. Nun gilt es, nach vorne zu blicken und sich nach Alternativen umzusehen. So weit möglich, die Folgen ungünstiger Lebensentscheidungen auszubügeln. In bescheidenem Rahmen, denn studieren werde ich garantiert nicht mehr: Ich kann mir nichts mehr merken und nicht lange still sitzen. Ich muss ja ständig nur aufs Klo.

Also einfach nur so eine Art stinknormale, ehrliche Erwachsenenarbeit. Das ist die Lösung. Das ist, was bleibt. Nicht zu anspruchsvoll. 9 to 5, 5 of 7. 8/5? Morgens hin mit einer Tupperdose voll geschälter Möhrchen. Klapper, klapper. Nach Feierabend mit leerer Dose zurück. Leise, leise. Ich bin rechtschaffen müde. Ein guter Film im ZDF, ein halbes Bier. Schnappverschluss. Schlaf der Gerechten. Und alles wieder von vorn. Morgens, Möhrchen, Müde. Ein monatlicher Gehaltsscheck von sagen wir zwölfhundertfünfzig netto reicht mir völlig, ein Traum.

Nach meinen, zugegebenermaßen nicht sehr fundierten Kenntnissen, gibt es für mich nunmehr noch genau zwei Möglichkeiten: zum einen irgendwas mit schwer Schleppen von schmutzigen Sachen und zum anderen ein Büro. Das Schleppen kommt nicht in Frage, wegen Alter und Rücken. Nicht so richtig Bock auch. Also bleibt nur das Büro.

Aber was macht man da überhaupt, in so’nem Büro? Ich kenn zwar Leute, die dort arbeiten, doch wirklich verstanden habe ich es nie. Na gut, kann auch sein, dass ich nicht richtig hingehört habe, denn das klang in meinen Ohren alles sehr, sehr langweilig. Und wo ist das Büro überhaupt, wo muss ich denn da hingehen und muss ich mich da bewerben oder darf da jeder gleich anfangen? Bekomme ich da dann ein Zimmer oder einen Schreibtisch und kriege ich einen Stuhl oder muss man den selber mitbringen oder muss ich vielleicht sogar die ganze Zeit über stehen? Das wäre hart. Aber vielleicht bekomme ich einen Locher. Wimpf, wimpf, wimpf! Das macht Spaß. Ein Locher wäre toll. Und Buntstifte.

Die anderen Leute im Büro sind mir unheimlich. Die „Kollegen“ kriegen doch gleich raus, das mit mir was nicht stimmt, und dass ich eigentlich wahnsinnige Angst habe vor ihnen und der Arbeit und davor, dass das Telefon klingelt und ich nicht weiß, was ich dann sagen soll, und überhaupt vor der ganzen Situation. Dass das alles für mich das erste Mal ist. Dass ich keine Ahnung habe, wie ich mich verhalten soll. Muss ich da jedes Mal „guten Morgen“ sagen, wenn ich das Büro betrete, oder irgendeine andere Feel Good Emotion faken? Und später noch mehr mit ihnen reden, in der Kantine, auf dem Gang, auf dem Scheißhaus? O Gott, über was denn? Ich kenn die doch gar nicht und will sie auch nicht kennenlernen. Und muss man dann bei der Weihnachtsfeier wirklich immer mit allen Sex haben? Ein bisschen eklig ist das ja schon. Ich glaube nicht, dass ich das möchte, und ich kann mich auch nicht so gut verstellen und immer freundlich mit dem Schwanz wedeln. Aber ich könnte stattdessen ja was malen, mit den Buntstiften.

Bestimmt hefte ich alles falsch ab. Wird mir das denn jemand erklären? Oder, genauso tückisch, man muss gar nichts abheften, aber ich hefte trotzdem ständig alles ab, weil ich das mal in einem Film gesehen habe, in dem ein Büro drin vorkam. Eine Katastrophe. Und was ist mit dem Kaffee: Kriegt man den umsonst oder nur bis zu einer bestimmten Menge oder muss man den bezahlen? Und wenn, wieviel und wo und wann? Muss man sich den selber holen oder wird der an den Tisch gebracht? Hab ich überhaupt einen Tisch oder muss ich stehen? Ich glaube, ich dreh mich grad im Kreis.

Erschwerend kommt hinzu, dass ich für den regulären Arbeitsmarkt sowieso verbrannt sein dürfte. Denn natürlich habe ich früher eine Menge Scheißjobs gemacht, aber entweder konnte ich bald wieder gehen oder war zumindest scheinselbständig. Ich schätze, ich bin einfach nicht mehr integrierbar. Ich will niemanden, der mir sagt, was ich zu tun habe. Umgekehrt will ich auch niemandem vorschreiben, was sie oder er zu tun hat. Das ist doch Schwachsinn. Der Locher macht das dann auch nicht wett.

Sonderwünsche

Datsche 2012 009

Auf dem Lande bemühe ich mich stets um größtmögliche Zurückhaltung. Denn ich weiß ja, dass Berliner hier als Besatzer und Eindringlinge gesehen werden, umso mehr, wenn sie wie wir dazu Westhintergrund aufweisen. Ich weiß auch, dass sie mich für unermesslich reich und arrogant halten. Für sie bin ich eine verweichlichte, rotgrünversiffte Gutmenschenschwuchtel, die weder Tier noch Mensch selber schlachtet und Brandsätze auf Flüchtlingsunterkünfte für ein Verbrechen hält. Wenn man da mal genauer drüber nachdenkt, ist es eigentlich schlimm, was Leute so für krasse Vorurteile haben …

Sind Einheimische anwesend, gebe ich mich folglich leise und behutsam. Ich möchte nicht stören und nicht auffallen. Wenn ich nichts sage, merken sie vielleicht nichts. Dabei wäre es so schön, mehr Interesse an den Menschen zu zeigen und sich mit ihnen über ihre Belange auszutauschen: wo es die besten Gartenzwerge und den dicksten Spargel gibt; an welchen Stellen man besser keine Beeren oder Pilze pflücken soll, weil da der meiste Sondermüll vergraben liegt; über die bevorstehende Sonnwendfeier des Thor-Steinar-Spielmannzuges in Fuckow. Aber gerade im Gespräch ist die Gefahr zu groß, dass ich mich durch Wörter wie „Tram“, „Plastiktüte“, „viertel nach elf“, „Yoga“ oder „Demokratie“ verrate. Das bringt doch keinem was. Sie fühlen sich verarscht oder herabgesetzt und ich werde noch mehr zum Außenseiter.

Dennoch haben wir nach einer Weile hier draußen manchmal einen echten Jieper auf bestimmte Artikel oder Errungenschaften einer Zivilisation wie wir sie kennen. Ähnlich wie man nach längerem Aufenthalt in Lateinamerika, Südostasien oder Frankreich plötzlich Bock auf Vollkornbrot bekommt, möchten wir gerne eine Zeitung lesen, in der steht, was mittlerweile in der Welt passiert ist – noch dazu, da es kein Netz gibt. Also nicht den „Oranienburger Generalanzeiger“ und auch nicht die „Märkische Allgemeine“. Sondern den Inbegriff der Westlügenpresse, eine ermüdende Bleiwüste ohne bunte Bilder, keine Titten, viele Nebensätze: Die „Süddeutsche Zeitung“ soll es sein.

Bei Edeka in Klötensang gab es die mal. Daneben noch die „Berliner Zeitung“ und sogar den „Tagesspiegel“. Denn im Sommer kommen Touristen. Und Berliner. Und Berliner Touristen. Sie fotografieren die Störche und pflücken die Blaubeeren im Schlüpper Forst, wo die Giftgastanks der Roten Armee und die Asbestwände der LPG-Schweinemast einträchtig unter dem märkischen Sand ruhen. Mit den Kranichen im Herbst hauen auch die Fremden wieder ab. Doch zuvor versucht man ein wenig Handel mit ihnen zu treiben. Man stellt Blitzer an den Landstraßen auf, bereitet überteuerte Wildgerichte zu und legt Westzeitungen vom Vortag in die Läden.

Bei diesem Edeka sehe ich also durchaus eine Chance. Allzumal sie den vergrößert und modernisiert haben, mit Frischsalattheke und allem Pipapo – der hat richtiggehend Großstadtniveau. Zwar stehen jetzt im kühlen Mai nur Autos mit den Kennzeichen OHV und OPR auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt. Aber vielleicht haben sie ja das Sortiment schon saisonal umgestellt. Und in der Tat gibt es ein paar der obengenannten Blätter, doch die Süddeutsche finde ich nicht. Ich wende mich an eine Verkäuferin: Ob sie die denn grundsätzlich überhaupt im Angebot hätten?

„Die was? Wie heißt die?“

„Süddeutsche Zeitung“, sage ich und merke wie mir heiß im Gesicht wird. Ich betrachte mich auf einmal mit ihren Augen und komme mir reichlich doof vor. Was für ein alberner und prätentiöser Wunsch. Süddeutsch. Wo ist denn bitte Süden? Hier jedenfalls nicht. Als nächstes frage ich wahrscheinlich nach einem Chinesenhut.

„Keine Ahnung“, sagt sie, ohne sich ihre Irritation anmerken zu lassen. „Nie gehört. Müssen Sie an der Kasse fragen.“

Genau das tue ich auch, obwohl ich schon gar keine Lust mehr habe. Vorsichtshalber bezahle ich zuerst, dann bin ich schneller weg. Ich flüstere die Frage fast. Das spöttische Gesicht des Kassierers spricht Bände. Er wendet sich an die Kollegin an der anderen Kasse, holt tief Luft, „o bitte nicht. Bitte nicht so laut“, möchte ich zischen, doch es ist zu spät.

„Führen wir“, ruft er und spitzt dabei affektiert die Lippen – er hat richtig Spaß an seiner kleinen Show -, „die Süddeutsche Zeitung?“ Aus seinem Mund klingt das nach einem Fachblatt für Pädophile, aber keinem für solche, die Hilfe oder Unterstützung suchen. Das ist alles so wahnsinnig peinlich.

„Nein“, antwortet sie. „Hatten wir mal. Im alten Laden. Jetzt nicht mehr.“

Sämtliche Kunden in beiden Kassenschlangen starren mich nun an. In ihren Blicken liegen Hass und Verachtung. Ein feindseliges Grummeln hebt an. Ich nehme meine Einkäufe, gehe langsam rückwärts Richtung Ausgang, um keine Mistgabeln in den Rücken gerammt zu bekommen, versuche dabei hektische Bewegungen zu vermeiden, die sie zum Angriff provozieren könnten. Sobald ich die Tür erreicht habe, renne ich los, renne um mein Leben, hin zum Auto, o Gott, hoffentlich springt das diesmal sofort an.